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Hs 293 und Variationen

Generelles:

Bei der Hs 293 handelt es sich um eine Gleitbombe mit eigenem Antrieb. Sie wurde von einem Trägerflugzeug aus eingesetzt und in Masse funkgesteuert ins Ziel gelenkt. Der Einsatz erfolgte gegen Schiffsziele, aber auch gegen Bodenziele und Bomberverbände. Es gibt eine große Anzahl von Modifikationen, sowohl den Einsatz als auch Antrieb und Steuerung betreffend.

Aufbau:

prinzipieller Aufbau

Die Entwicklungslinie basiert auf einer im Jahre 1939 in den Gustav- Schwartz- Propellerwerken gebauten reinen Gleitbombe mit Autopilot. Die Weiterentwicklung zur ersten funkferngesteuerten Bombe erfolgte bei Henschel in Berlin- Schönefeld durch Prof. Dr. Herbert Wagner.

Die Gleitbombe besteht aus punktgeschweißtem Aluminium in Schalenbauweise, Flügel mit Rohr- Hauptholm und Rippen. Im vorderen Teil des Rumpfes ist der Gefechtskopf untergebracht. Er besteht aus gezogenem Stahl, weist wie andere Bomben auch ein Zentralrohr auf, wurde von vorn befüllt und mit Kopfstück und Kopfdichtung verschlossen. Der Gefechtskopf basiert auf der deutschen Sprengbombe SC- 500, ist jedoch mit dieser nicht baugleich. Die Sprengwirkung gegen gepanzerte oder verbunkerte Ziele war entsprechend gering. Im hinteren Teil des Rumpfes ist das Kontrollsystem zur Steuerung eingebaut. Dabei wurde Wert darauf gelegt, das ein schneller Zugriff auf die Systemkomponenten möglich war. Als Empfänger der Funkfernsteuerung dient ein FuG 230 (Straßburg). Er wurde angesteuert über ein FuG 203 (Kehl) im Trägerflugzeug. Damit war es möglich, ohne gegenseitige Behinderungen maximal 18 dieser Gleitbomben gleichzeitig in einem Einsatzgebiet zu steuern. Zur Stromversorgung dient eine Batterie 24 Volt 14 Ah, die auch diverse Spannungswandler, Geräte zur Aufteilung der Steuerungssignale und die Steuermotoren speist.

Die Antriebseinheit befindet sich unterhalb des Rumpfes und war mit drei Feder- Schnappbolzen befestigt. Es kamen verschiedene Walter- Antriebe, aber auch Schmidding- Motoren und WASAG- Feststoffraketen zum Einsatz.

Als Trägerflugzeuge wurden verwendet: He 111 H-6; He 111 H-12; Do 217 E-5; Do 217 M-5; Fw 200 C-6; He 177 A-5/U. Eine Umrüstung der Ju 290 A-8 wurde nicht mehr fertiggestellt, nach [1] kam als Notlösung noch die Ju 290 A-7 zur Verwendung. Träger für die H- Variante waren die Do 217 K-2/U-1 und die Do 217 M. Versuche wurden mit einer großen Reihe weiterer Trägerflugzeuge durchgeführt - z.B. mit der Me 262 oder der Ar 234.

Die Anwendung:

Durch ein Trägerflugzeug wurde die Bombe auf Höhe gebracht. Nach der Zielauffassung wurde ein Kurs von 30° bis 60° zum Ziel geflogen. Beim Ausklinken der Bombe mußte sich das Trägerflugzeug in horizontaler Fluglage befinden und eine typabhängige Mindestgeschwindigkeit einhalten. Bei Nutzung einer He 111 waren das beispielsweise 334 km/h. Ein Schütze im Flugzeug übernahm die Steuerung der Gleitbombe, die nach Sicht im Zieldeckungsverfahren erfolgte. Es ist klar, dass an einen sinnvollen Einsatz natürlich nur bei Vorliegen der entsprechenden Wetterverhältnisse zu denken war. Gute Sicht zum Ziel war Grundbedingung. Zur besseren Bahnverfolgung der Bombe waren im Heck eine elektrische Leuchte für den Nachteinsatz bzw. eine Leuchtpatrone für den Tageinsatz eingebaut. Das Trägerflugzeug verringerte die Geschwindigkeit, mußte aber für die nächsten 10 Sekunden (typische Brenndauer des Triebwerkes der Hs 293) Höhe und Richtung beibehalten - es konnten keine abrupten Flugmanöver durchgeführt werden. Zur sinnvollen Steuerung mußte der Schütze ein entsprechend großes Sichtfeld haben - typisch sind 110°. Die maximale Flugzeit der Hs 293 A1 betrug 100 Sekunden. Damit war es - anders als bei Fall- Lenkbomben - nicht notwendig, über das Ziel zu fliegen und sich damit in den Bereich der Luftabwehr zu begeben. Die Treffsicherheit war beachtlich, auf 12 km Entfernung lag sie bei 5 x 5 Metern. Ein Kreis von 25 m Durchmesser wurde bspw. im Training bei 12 Anflügen 12 mal getroffen. Auch im Fronteinsatz lag die Trefferquote immer noch zwischen 45 und 50%. Militärische Erfolge wurden besonders in der Biskaya (ab 25.08.43), an der Nettuno- und Anzio- Front sowie in der Aegäis und Frankreich erzielt. Um so verwunderlicher ist es, das nach Amtseinführung von Sauer alle noch nicht fertiggestellten Bomben verschrottet wurden, obwohl ursprünglich eine Monatsproduktion von 950 Bomben im Rahmen des Jägerprogramms vorgesehen war.

Die Typen:

Nachfolgend wird nur auf die Haupttypen eingegangen. Versuchsmuster werden nur genannt, wenn sie grundlegende Bedeutung haben oder für die heutige Waffentechnik von Bedeutung sind.

Hs 293 A0 und A1:

Grundtypen, die in Serie gebaut wurden. Die Steuerung erfolgte wie oben beschrieben über Funk. In Großserie wurde die Hs 293 A1 gebaut (ca. 1200 Stück). Als Antriebseinheit kam in Masse ein Walter HWK 109-507 zum Einsatz. Es lieferte mit 63,4 kg Treibstoff (Wasserstoffsuperoxid und wässrige Lösung von Natrium- oder Kaliumpermanganat) für 10 Sekunden 590 kp Schub. Damit wurde eine typische Geschwindigkeit von 230 m/s erreicht. Das Gesamtgewicht betrug 1045 kg.

Hs 293 B:

Umbau einer A1 mit Kabelsteuerung. In der Bombe befanden sich 20 km Draht, im Trägerflugzeug noch einmal 12 km. Ist über das Versuchsstadium nie hinausgekommen.

HS 293 C:

Versuchsmodell für die spätere Hs 294. Es handelt sich um eine Gleitbombe mit Stolperkante zum Einsatz gegen Überwasserziele. Die Bombe wurde vor dem Ziel auf die Wasseroberfläche aufgeschlagen, wo sie eindrang und ca. 45 m gesteuert tauchte, bevor sie am Schiff oder unter diesem explodierte. Entsprechend viele Testmuster, u.a. mit Drahtlenkung und Veränderungen an der Steuerung und an den Tragflächen.

Hs 293 D:

Erste Gleitbombe mit Fernsehkamera, die bewegte Bilder aus dem Bombenkopf zum Bediener übertrug. Im Versuchsstadium eingestellt, da Probleme der mechanischen Kamerasteuerung nicht gelöst werden konnten. Zum Teil modifiziertes Triebwerk (Schmidding 109-513; betrieben mit Sauerstoff und 27,1 Liter Methanol, für 10 Sekunden 1000 kp Schub). Typisches Erkennungsmerkmal: Yagi- Antenne am Heck.

Hs 293 E:

Unterschiedliche Aussagen in diversen Unterlagen. Vermutlich Änderungen am Flächen- und Höhenleitwerk und zu Kriegsende als Hs 293 A2 mit Funkfernsteuerung serienreif. Zu einer Produktion kam es nicht mehr, auch waren keine geeigneten Trägerflugzeuge mehr vorhanden, wie die Amerikaner in [3] zufrieden feststellen.

Hs 293 F:

Im Unterschied zur A1 kein Schwanz mehr, 2 WASAG- Feststoff- Triebwerke 109-533, die nacheinander gezündet wurden. Unzählige Varianten u.a. Infrarotsteuerung, Radar, Fernsehsteuerung etc. Keine Serienreife; zum größten Teil nur Entwicklungsmuster.

Hs 293 G:

Entspricht in Design und Steuerung den A1- Varianten, hatte aber ein Feststoff- Triebwerk WASAG 109-512 (66 kg Diglycol, für 10 Sekunden 1200 kp Schub), Einsatz vorgesehen als Sturzbombe, keine Serienreife.

Hs 293 H:

Spezielle und als Hs 293 HV1 vorläufig beendete Entwicklungslinie für den Luft - Luft - Einsatz gegen Bomberverbände. Entgegen der Aussagen in [3] serienreif. Als Triebwerk 2 x 109-543 mit 2 x 6500 kp/s Leistung. Sie wurde bis 4 km über und 3 km hinter dem Bomberverband ausgeklinkt und von dort per Funk ins Ziel gesteuert. Die Fernzündung sollte durch ein zweites Flugzeug in besserer Position oder ein Neptun- R- Gerät übernommen werden. Zahlreiche Modifikationen und Versuchsmuster; aber auch viele Projekte, die nie über das Reißbrettstadium hinausgekommen sind.

 

Dieter TD/ Annett (Literatur- Recherche)

Literatur:

[1] Nowarra, "Die deutsche Luftrüstung 1933 - 1945", Bernard&Graefe
[2] Lusar, "Die deutschen Waffen und Geheimwaffen des 2. Weltkrieges und ihre Weiterentwicklung", Lehmanns- Verlag
[3] OP 1666, "German explosive Ordnance Vol. 1" - die Übersetzung erfolgte durch Anke. Diesem Werk ist auch das Bild entnommen.

[4] Hahn, "Waffen und Geheimwaffen des deutschen Heeres 1933 - 1945", Bernard&Graefe

 

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