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Legendenbildung

Dr. Hans J. Richter

Gniet, der kleine bucklige Nachtwächter, eigentlich heißt er Willy Güntel (Bild 1), schlurft auf seinem Krückstock mit dem großen Gummipuffer gestützt nach der Mittagstunde auf unsere Veranda. Er muß soeben seinen versäumten Nachtschlaf nachgeholt haben, denn seine Stimme klingt noch ziemlich verschlafen: "Ihr könnt Euern Ferienjungen vom Hausvaterbüro abholen!" Ich laufe gleich mit meinen beiden Schwestern hin. "Welcher ist unser, Onkel Striedick?'" "Der mit der Schmalztolle in der Jungvolkhose." Ich habe ja die gleichen Dreiviertelschwenker aus schwarzem Manchesterstoff an (Bild 2). "Horst Müller us Kölle am Rhin" sagt er in rheinischer Mundart zur Begrüßung und grinst dabei ein wenig verlegen. Er kommt mit einem Eisenbahntransport von einigen hundert Jungen und Mädel aus dem Rheinland. Lobetal kriegt fünf Jungen zugeteilt. Sie werden wegen der zunehmenden Luftangriffe der Engländer auf Köln und andere große Städte des Ruhrgebietes in noch ungefährdete Gebiete Deutschlands evakuiert und während der Sommerferien auf Familien mit Kindern verteilt.

Wir schließen unseren Horst gleich ins Herz, zeigen ihm in der Wohnstube unsere Spielsachen, draußen hinterm Haus meinen Lieblingskletterbaum, eine schlanke Weide, die allernächste Umgebung, den Wagenschuppen vom Landwirtschaftshof und den Weg zum Bassinberg. Nach dem Kaffeetrinken geht's natürlich sogleich zum Mechesee hinunter, zur gerade renovierten großen Badeanstalt, die wir ihm ganz stolz zeigen. In den vergangenen Jahren sind wir gewöhnlich von der kleinen Familienbadeanstalt aus losgeschwommen, die auf Bild 3 zu erkennen ist, weil die viel schöner und moderner war als die alte verwitterte graue. Der See ist bei diesem heißen Sommerwetter unser Hauptbetätigungsfeld mit Seeschmidts Fischerkähnen, den Haubentauchern und Schwänen oder beim Plötzenangeln mit Onkel Oskar, dem Sattlermeister mit seinem Holzbein (Bild 4). Die aus hellem Holz neu aufgebaute große Badeanstalt leuchtet jetzt mit ihrem Spiegelbild bis ans gegenüberliegende Ufer, so daß Braunes gelblich verputztes Pfarrhaus vom Widerschein noch freundlicher wirkt als vorher (Bilder 5 und 6). Selbstverständlich dürfen wir bei dem warmen Wetter mehrmals täglich baden gehen und zur Insel schwimmen, die eigentlich eine Sandbank ist, auf der uns an der flachsten Stelle das Wasser immerhin bis zum Hals reicht. Nach dem Baden vertilgen wir vier wie die Raupen die Schätze auf Muttis reich gedecktem Tisch auf der schattigen dunkelgrün gestrichenen Holzveranda unseres Hauses (Bild 7). Horst scheint keinerlei Heimweh zu haben, so wohl fühlt er sich bei uns.

Eines späten Abends, die ganze Familie ist bereits zur Ruhe gegangen, werde ich von Horst geweckt, der vollständig angezogen mit seinem Köfferchen an meinem Bett steht: "Wir müssen in den Keller!" Gerade aus dem ersten Schlaf gerissen, denke ich, der ist wohl mondsüchtig, was mir ab und zu selber passiert, wenn ich nachts im Trance in der dunklen Wohnung herumgeistere. Mutti meint, das hängt mit dem Mond zusammen. Da öffnet sich die Tür zum Schlafzimmer der Eltern und mein Vater fragt, was denn los sei, warum wir noch immer nicht schlafen. Statt zu antworten, legt Horst seinen Zeigefinger auf den Mund und zeigt mit der anderen Hand nach oben. Da vernehmen auch wir ein dumpfes Grummeln wie von einem fernen Gewitter, obwohl den ganzen Tag über kaum ein Wölkchen am tiefblauen Himmel zu sehen war. "Wir müssen jetzt alle in den Keller gehen, ehe die Bomben fallen" mahnt Horst, den nun auch Mutti und meine beiden aufgewachten jüngeren Schwestern Elfriede und Irmela verdattert angucken. Vater muß laut Luftschutzdienstvorschrift in solchem Fall als stellvertretender Chef der freiwilligen Anstaltsfeuerwehr (Bild 8) zum Spritzenhaus laufen, um die kleine Handsirene anzukurbeln, darauf gemeinsam mit den anderen herbeieilenden Wehrmännern die Feuerspritze einsatzklar aus dem Schuppen ziehen und die aufgerollten Gewebeschläuche bereitlegen.

Unsere bei Gewitter seit je ängstliche Mutti verschwindet am ganzen Körper zitternd sofort auf dem Klo. Da sie nicht mehr herauskommt, klopft Horst vorsichtig an die Tür um sie abzuholen und sie zu trösten, indem er beruhigend auf sie einredet, an die Hand nimmt und sie langsam nach draußen geleitet. Wegen der angeordneten Verdunklung darf auf keinen Fall Licht gemacht werden. Auf dem Weg in den Keller bemerken wir erst die grünlich schimmernde runde Leuchtplakette an Horsts Jacke. Wir bewundern die besonnene ernste Haltung unseres neuen Ferienspielkameraden. In der Waschküche sitzend hören wir nach etwa zwanzig Minuten das Brummen von Flugzeugen, kurz darauf eigenartige dumpfe Schläge, die so ähnlich klingen als ob Onkel Blechschmidt mehrmals hintereinander kurz in die Kaisertuba des Posaunenchors stößt. "Das sind Flakgranaten" sagt Horst. "Bei uns in Köln sind ihre Explosionen viel öfter und lauter zu hören", klärt er uns auf. Gott sei Dank liegt Lobetal 25 km Luftlinie von Berlin? Mitte entfernt wie wir wissen. Nach ungefähr einer Stunde ertönt aus einem Nachbardorf das langgezogene Heulen der Entwamungssirene. Das auf- und abschwellende Alarmsignal müssen wir alle verschlafen haben, weil es jetzt ebenfalls ziemlich leise zu hören ist. "Jetzt dürft ihr wieder ins Bett" sagt Horst, ergreift seinen Koffer und geht als erster nach oben. Mutti hat sich allmählich beruhigt. Nachdem auch Vater bald darauf nach Hause kommt, den Kinnriemen seines schwarz lackierten Stahlhelms mit dem ledernen Nackenschutz löst, ihn absetzt und die Feuerwehruniform in den Garderobenschrank gehängt hat, kriechen wir alle wieder unter unsere Bettdecken. So endet für die erweiterte sechsköpfige Familie Richter - Müller der erste Fliegeralarm des zweiten Weltkrieges.

Eines Tages, es ist der 12. August 1940, parkt ein schwarzer Mercedes mit polizeilichem IA- Kennzeichen vor Braunes Haus. Es wird gemunkelt, daß der mysteriöse Besuch der Herren in Ledermänteln aus Berlin bei Pastor Braune Schriftstücke überprüft. Nachmittags nehmen sie unseren Pfarrer, der außer Schulrat, Anstaltsleiter und Bürgermeister von Lobetal auch noch andere Titel führt (Bilder 9 und 10), mit in die Prinz- Albrecht- Straße, zum Sitz des Reichssicherheitshauptamtes zur weiteren Einvernahme durch die Geheime Staatspolizei. Er soll am 5.Juli 1940 für den Führer und Reichskanzler Adolf Hitler eine Denkschrift gegen die Euthanasie, der Vernichtung lebensunwerten Lebens bzw. der Ausmerzung erbkranken Nachwuchses, wie es in der Amtssprache heißt, verfaßt und über den Gesundheitsminister an die Reichskanzlei eingereicht haben (s. Literaturverzeichnis [11]).
In Lobetal und in den anderen Hoffnungstaler Anstalten haben viele geistig und körperlich behinderte Menschen Beschäftigung, Pflege und Asyl gefunden. Jeden Sonntag im Gottesdienst wird nun im Schlußgebet Pastor Braunes gedacht und auch Mittwoch Abend in der Bibelstunde dafür gebetet, daß Gott der Herr den Führer, der auch Oberbefehlshaber der Wehrmacht ist, erleuchten und ihm die richtigen Entscheidungen eingeben möge. Doch Monat für Monat vergeht, ohne daß unser Pastor wiederkommt. Frau Pastor Braune darf ihn zwar in der Haft besuchen, Braunes Kinder tun uns aber sehr leid.

Endlich, zum Reformationsfest, erhört Gott die inbrünstigen Gebete der Lobetaler Gemeinde. Frl. Schaper verbreitet aus der kleinen Telefonzentrale im Verwaltungsgebäude die freudige Nachricht. Am Abend des 31. Oktober findet im überfüllten, feierlich geschmückten Speisesaal des kirchlichen Mehrzweckbaus der Dankgottesdienst statt. Der Posaunenchor begleitet diesmal jeden Vers des Lobgesangs, so daß das Harmonium beim Singen der Kirchenlieder kaum zu hören ist, außer bei der Liturgie. Pastor Frick aus Bethel hält die ergreifende Lob- und Dankpredigt. Manche Augen sind feucht von Freudentränen, weil unser Pastor wieder bei uns ist. Wir gehen Hand in Hand mit unseren Eltern am Glockenstuhl vorbei nach Hause.

Unser evakuierter Feriengast Horst Müller war nach sechs Wochen der Erholung von seiner Mutter nach Hause geholt worden. Am liebsten wäre er für immer bei uns geblieben. Deshalb ist uns dreien der Abschied schwer gefallen. Wie er uns bald schreibt, soll er in den Herbstferien im Rahmen der KLV, der Kinderlandverschickung - für alles gibt es jetzt eine amtliche Abkürzung - noch weiter nach Osten beim Kartoffelbuddeln eingesetzt werden. Wir erleben einige weitere nächtliche Fliegeralarme ohne besondere Vorkommnisse, weil die britischen Bomber Lobetal, wenn überhaupt, höchstens überfliegen. Manchmal kommen sie bereits eine viertel Stunde nach dem Aufheulen der Alarmsirenen, manchmal erst beim Abflug von der Reichshauptstadt, eine Weile vor der Entwarnung.

Der Abendhimmel des 1.November 1940, ein Freitag, der Tag nach dem Reformations- Dankgottesdienst, ist sternenklar. Wir haben bereits alle unsere Nachthemden angezogen um zu Bett zu gehen, als um 21.09 Uhr [2] die Luftschutzalarmsirenen aus den Nachbardörfern auf- und abzuheulen beginnen, alle übertönt vom "Dicken Otto" aus Rüdnitz, einer neuen, in der Tonlage besonders tiefen, durch Mark und Bein dringenden Sirene. Lobetal besitzt noch immer nur das kleine, wie eine Katze miauende Handkurbelmodell. Da bislang nie etwas Außergewöhnliches passiert ist, suchen wir diesmal unsere Waschküche gar nicht erst auf, ziehen uns jedoch vorsichtshalber wieder an. Den großen, aus hellen Weidenzweigen geflochtenen Reisekorb mit den wertvollsten Sachen und der Bettwäsche hat Vater, der heute bei uns bleibt, unten stehen lassen. Das braune Köfferchen mit dem Familienstammbuch und den wenigen Wertsachen, wie Muttis goldenes Halskettchen und natürlich unsere Sparschweine, steht, seit Horst bei uns war, immer griffbereit in der guten Stube. Dann hören wir Motorengebrumm. Vater knipst das elektrische Licht aus, öffnet die beiden Flügel und Läden des Schlafzimmerfensters um hinauszusehen und ruft: "Wenn das man gut geht!" Wagenschuppen und Wirtschaftshof sind in ein gleißendes orangefarbenes Licht getaucht. In Richtung Mechesee schwebt eine beinahe sonnenhell brennende Leuchtbombe langsam an einem Fallschirm vom Himmel. Während Vater und ich diese unheimliche Erscheinung gebannt beobachten, gibt es plötzlich einen einzigen gewaltigen Knall, gefolgt von einem dumpfen Echo, wohl vom Woltersdorfer Waldrand. Die Leuchtbombe erlischt und das Motorengeräusch des Flugzeugs ist bald nicht mehr zu hören. Uns klingen aber immer noch die Ohren. Die ganze Familie ist in heller Aufregung und wir rennen vor Schreck doch noch in den Keller. Aus Richtung Berlin grummelt noch längere Zeit die Flak. Um Mittemacht gratulieren wir meiner älteren Schwester zu ihrem 9.Geburtstag. Unser humorvoller Vater sagt: "Liebe Elfriede, die Engländer haben dir ja soeben als erste Gratulanten ein Ständchen gebracht, sogar Salut geschossen!" Dann spricht er ein Gebet und dankt Gott, daß wir noch einmal verschont worden sind. Die Entwarnung erfolgt erst gegen 1.00 Uhr [2], obwohl draußen schon lange nichts mehr zu hören ist. Trotzdem können wir lange nicht einschlafen.

Am nächsten Morgen verbreitet sich wie ein Lauffeuer die Nachricht: "Die große Badeanstalt steht nicht mehr!" Herr Zühl, ein landwirtschaftlicher Eleve auf dem Anstaltsgut und Mitarbeiter meines Vaters, bringt die Meldung noch vor Dienstbeginn. Er hat den unversehrten weißen Seidenfallschirm der Leuchtbombe gefunden und seinem übergeordneten Chef, dem Gartenbaudirektor Flemming übergeben, sozusagen als Rohstoff für das Brautkleid seiner ältesten Tochter Anneliese, die entschlossen ist, in Kürze zu heiraten. Noch vor Schulbeginn laufe ich zum See und treffe halb Lobetal an der Stelle versammelt, wo bis gestern die schöne neue Badeanstalt gestanden hat. Die meisten blicken stumm vor Schrecken auf das Bild der Zerstörung. Die noch rechtzeitig zur letzten Badesaison aus frischem hellen Holz vollständig renovierte, eigentlich von Grund auf neu gebaute große Badeanstalt, ist bis auf die linke zersplitterte Seitenwand niedergerissen und verwüstet. Auf dem Weg gähnt ein riesiger zu dreiviertel mit Wasser gefüllter Bombentrichter, der jede Durchfahrt versperrt. Wenige Meter seitlich dahinter an der steilen Waldrandböschung klafft ein zweiter, mehrere Meter tiefer, trockener, etwas kleinerer schiefer Krater von ca. 5 m Durchmesser. Auf der Oberfläche des Wassers treiben hunderte von toten Fischen. Noch mehr sind ins Schilf geschleudert und liegen am Ufer und auf dem Grund, so tief man jedenfalls vom Rand aus blicken kann. Demnach muß wenigstens eine weitere Bombe in unmittelbarer Nähe der Badeanstalt ins Wasser geschlagen und gleichzeitig mit den anderen explodiert sein, denn wir haben nur einen einzigen lauten Knall gehört und die toten Fische sind dort am stärksten konzentriert. Wie selbstverständlich geht Tante Maria, die Lehrerin unserer kleinen Familienschule gleich nach Unterrichtsbeginn mit uns zum See hinunter, weil einige brave Schülerinnen die kaputte Badeanstalt noch nicht gesehen haben. Sie ahnt wohl, daß wir Jungen im Klassenzimmer eh nicht aufgepaßt hätten, sondern in Gedanken am Tatort weilten.

Die ersten Bombensplitter, die ich bemerke, stecken in den zersplitterten Holzbrettern und Balken, die überall herumliegen und auf der Wasseroberfläche treiben, außerdem in der Borke der Kiefernstämme am Berghang sowie im ausgeworfenen Sand der beiden Bombentrichter. Man muß aufpassen, um sich nicht an den scharf gezackten Kanten der Stahlsplitter in die Finger zu schneiden. Im Laufe des Vormittags werden mehrere Zentner tote Fische eingesammelt und die meisten in der Anstaltsküche bei Hausmutter Striedick zum Mittagessen verarbeitet. Mutti brät für jedes Familienmitglied eine dicke Plötze. Wir haben uns an Fischgerichten noch nie so sattgegessen wie an den darauffolgenden Tagen. Nach dem Essen geht es sofort wieder zum See. Nach Feierabend strömen Schaulustige aus den benachbarten Dörfern, selbst aus Bernau, auf Fahrrädern herbei, um das sensationelle Ereignis in Lobetal zu bestaunen. Man will uns Bombensplitter abkaufen, mittlere für 50 Pfennige, für große bieten sie sogar eine Mark. Wir verkaufen aber bloß die kleineren für ein paar Groschen. Mein Freund und Schulkamerad Paul- Gerhard Beier hat seinem Patenonkel Fischer zu dessen Geburtstag einen Gratulationsbrief geschrieben, der erhalten geblieben ist und vier Wochen danach, am 30.11.1940, noch ganz unter dem schrecklichen Ereignis steht. Ihm, der selber gerade seinen zehnten Geburtstag mit uns gefeiert hatte, sei Dank, daß ich seinen in Sütterlin- Schönschrift verfaßten Brief (Teil 1 und Teil 2) im Anhang dieses Erlebnisberichtes als Faksimile- Kopie zeigen kann.

Als sich die erste Aufregung über den Bombenangriff gelegt hat, geht die Diskussion der Erwachsenen über den Abwurf so richtig los. Dabei steht natürlich die Frage im Mittelpunkt, warum ausgerechnet unsere Badeanstalt bombardiert worden ist, die trotz der gelungenen Renovierung keinerlei kriegswichtiges Ziel darstellt. Zwar ist man sich darüber einig, daß die Engländer unheimlich gut visiert und praktisch einen Volltreffer erzielt haben, falls sie dieses Ziel angreifen wollten. Das ist in der Tat höchst erstaunlich und bemerkenswert. Gott sei Dank ist es nicht das etwa 300 m von der großen Badeanstalt entfernte Pfarrhaus am gegenüber liegenden Ufer gewesen, in das gerade zwei Tage vorher Pastor Braune aus der Gestapohaft heimgekehrt ist. Einige Tage nach dem Bombenfall verdichten sich die Mutmaßungen schließlich auf folgende Theorie: Zirka 6 km Luftlinie vom Mechesee entfernt liegt in nordwestlicher Richtung der etwa gleich große Bogensee kurz hinter Lanke, bei Ützdorf (siehe den Landkartenausschnitt [3]). Er ist ebenfalls von Wald umgeben (Bild 11). Am nördlichen Ufer liegt ein Sommersitz des Reichspropagandaminister's Dr. Joseph Goebbels. Während der Spargelzeit fahren seine größeren Kinder manchmal mit einem kleinen Ponywagen, worum wir sie beneiden, am Verwertungsgebäude vor, um frischen Spargel und Obst für die große Goebbelsfamilie einzukaufen. Könnte nicht, so die Hypothese, der britische Premierminister Winston Churchill, der im großdeutschen Rundfunk vom Doktor oft als Lügenlord oder als Trunkenbold beschimpft wird, der Royal Air Force (RAF) den Auftrag erteilt haben, die Goebbels- Villa aufs Korn zu nehmen, um sich zu rächen? Könnte es nicht sein, daß der englische Navigator mehr als 1000 km von seinem Heimatflughafen entfernt, die beiden Seen in finsterer Nacht bzw. im nur wenige Minuten dauernden künstlichen Licht der sinkenden Leuchtbombe verwechselt hat? Anstelle der Villa, die ebenfalls am Nordufer gelegene, im gleißenden Leuchtbombenschein in ihrer natürlichen Holzfarbe heil reflektierende Badeanstalt für die Villa gehalten hat, zumal auch diese einen gelb getünchten Außenanstrich besitzt? Diese Tatsache wird von einem gewitzten Lobetaler wenige Tage später zum Vergleich festgestellt. Per Fahrrad dauert es nämlich nur eine dreiviertel Stunde vom Meche- bis zum Bogensee. Ein Bomber schafft diese kurze Entfernung bei einer Reisegeschwindigkeit von 360 km/h in nur einer Minute! Das ist eine verdammt geringe örtliche und zeitliche Differenz, somit verständlich, ein derart schwieriges Ziel nachts zu verwechseln. Diese Vermutung wird schließlich als Erklärung für den Luftangriff allgemein akzeptiert. Manche Lobetaler meinen, sie haben unfreiwilligerweise ihre schöne neue Badeanstalt dem Reichspropagandaminister geopfert. Dr. Goebbels hat sich womöglich ins Fäustchen gelacht, daß er so billig davongekommen ist. Ich komme am Ende des dokumentarischen Erlebnisberichts noch einmal auf diesen Punkt zurück, weil wir kürzlich bei einem Ausflug zum Bogensee dort zufällig einen alten Ohrenzeugen getroffen haben.

40 Jahre später -1980 - erscheint in den Bodelschwinghschen Anstalten in Bethel bei Bielefeld eine kleine Broschüre mit dem Titel: Persönliche Begegnungen und Erlebnisse mit Pastor D. Paul Gerhard Braune [4], verfaßt von ehemaligen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Darunter befindet sich auf den Seiten 15 und 16 auch ein Aufsatz von Emmi Schaper, dem bereits erwähnten Fräulein vom Amt der kleinen Lobetaler Post und Telefonvermittlung, aus dem ich hier den letzten Absatz zitieren möchte:
"Dann geschah noch etwas höchst Merkwürdiges. In der folgenden Nacht vom 31.Oktober zum 1. November flog ein einzelnes Flugzeug über Lobetal und warf zwei Bomben ab. (Anmerkung des Verfassers: Es handelt sich nicht um die Nacht vom 31.10. zum 1.11., sondern vom 1./ 2.11.1940. Ich erinnere mich aufgrund des Geburtstags meiner Schwester noch so genau an dieses Datum.) Die eine fiel in unseren See, und am nächsten Tag lagen viele tote Fische an der Oberfläche des Wassers. Die andere Bombe bohrte sich am Ufer in den Sandboden und zerstörte unsere große Badeanstalt. Am Ufer des Sees, ganz in der Nähe der Bombentreffer, stand aber auch das Pfarrhaus, in das Pastor Braune gerade zurückgekehrt war. Wir fragten uns: "Wer hat wohl diese Bomben auf Lobetal geworfen? Sollte da etwa Pastor Braune auf diese Weise umgebracht werden?" Aber wir erlebten wieder eine große Bewahrung unseres Gottes, daß die Bomben ihr Ziel verfehlten und kein Menschenleben beklagt werden mußte. Gelobt sei Jesus Christus."
Ich habe Frl. Schaper nach der Beerdigung meines Vaters am 25.6.1987 in Lobetal beim Kaffeetrinken im Saal von Friedenshöhe auf die Quelle der Mutmaßung im letzten Absatz ihres Beitrages in dem Buch angesprochen, ohne daß sie mir eine konkrete Antwort dazu geben konnte oder wollte.

Drei Jahre später, 1983, erscheint das Buch: Hoffnung gegen die Not [5] von Berta Braune, der Gattin von Pastor Braune. Auf Seite 80 heißt es:
"Die Fliegerangriffe in diesen Monaten 1940 begannen stärker zu werden. Am 1.November, an dem Tag, als wir alle wieder vereint waren, hatten wir einen Fliegeralarm; es war bereits dunkel, und nicht lange danach kam die Entwarnung. Wir wollten schlafen gehen und wunderten uns, daß noch Leuchtkugeln am Himmel standen und wir das Gebrumm eines einzelnen Fliegers hören konnten. Kaum lagen wir, als drei ohrenbetäubende Detonationen erfolgten: 3 Bomben waren gefallen: eine in den Mechesee, der 15 Meter von unserm Haus entfernt war, die zweite auf die Badeanstalt, die dritte in den Wald. Am anderen Tag, als wir uns den See mit den toten Fischen und die zerstörte Badeanstalt besahen und die Linie verfolgten, in welcher die Bomben gefallen sein mußten, stockte uns doch der Atem. Man denke daran, daß, wenn die Auslösung der Bomben einen Bruchteil von Sekunden früher erfolgt wäre, sie das Pfarrhaus mit seinen Bewohnern mit Sicherheit hätten treffen müssen. Auch Pastor von Bodelschwingh hielt einen Auftrag nicht für ausgeschlossen. Wie es gewesen sein mag - es war Bewahrung - ob es ein einsamer feindlicher Flieger war, der seine Bomben abladen wollte, oder ein Anschlag auf das Leben von Braune. So fügte sich eine Erfahrung des Glaubens an die andere und bestimmte die Freudigkeit des Dienstes in den weiteren Aufgaben. Am 13.11.1940 - es war Brüdertag in Lobetal - rollte ein Auto aus der Prinz- Albrecht- Straße zur Mittagszeit vor unser Haus: ein uns bekannter Beamter der Gestapo brachte die Akten zurück. Das Verzeichnis war vollständig bis auf die Denkschrift über die "Euthanasie".
Hier ist der Verdacht bereits konkreter formuliert, daß es ein deutsches Flugzeug gewesen sein könnte, dessen Besatzung das Pfarrhaus zerstören und ihren Mann, der zwei Tage zuvor aus der Gestapohaft entlassen worden ist, auftragsgemäß ums Leben bringen sollte.

Für einen fortschreitenden Prozeß der Legendenbildung müssen aber offenbar noch weitere sieben Jahre vergehen. Am 10.6.1990, also 50 Jahre nach dem Bombenabwurf, trägt Helmut Engelke anläßlich des Treffens ehemaliger Lobetaler in abendlicher Runde im Lobetaler Bonhoefferhaus einen Bericht vor, den er kurz nach der Wende eigentlich für den Verlag der "Potsdamer Kirche" verfaßt hat, den die Redakteure dieser Zeitung jedoch nie abgedruckt haben. Der Vortrag steht unter dem Motto: "Das Haus, in dem Honecker Zuflucht fand" [6]. Zum Thema Legendenbildung zitiere ich daraus den folgenden einschlägigen Abschnitt:
"Die Wellen in unserem Lande schlagen hoch wegen der Aufnahme Honecker im Lobetaler Pfarrhaus. Ich denke, es wird nicht ganz unwichtig sein, etwas über die Geschichte dieses Pfarrhauses zu wissen. Vielleicht sieht manches Gemeindeglied unserer Kirche die Angelegenheit dann unter einem anderen Blickwinkel, sozusagen "sub specie aetemitatis". Ich kann sie nicht als Historiker, aber aus eigenem Erleben schildern. Einer der Vorgänger von Pastor Holmer in Lobetal war Pastor Paul Braune. Mein Vater war Amtsbruder von Pastor Braune, der mehrere Jahrzehnte in diesem Pfarrhaus wohnte, und so wuchs ich in dem anderen Lobetaler Pfarrhaus auf, das inzwischen ein Raub der Flammen geworden ist. [Anmerkung d. Verf.: Lediglich die obere Etage war ausgebrannt, ist aber längst renoviert.] Von dort war ich als Kind und Jugendlicher oft im Hause der Familie Braune. Von diesem Pfarrhaus aus wurde eine lange Zeit, insbesondere in der Kriegs- und Nachkriegszeit, aktive Geschichte der Diakonie gestaltet. 1940 wurde hier die berühmte "Denkschrift für Adolf Hitler' geschrieben, mit der gegen die planmäßige Vernichtung unheilbar Kranker, die sog. "Euthanasie", zum Kampf geblasen wurde. Pastor Braune wurde von den Nazis verhaftet, und wer die damalige Gepflogenheit kennt, der weiß, daß damit eigentlich das "Aus" für den tapferen Pastor und die diakonische Arbeit in Lobetal besiegelt war. Es war immerhin Krieg, und es herrschte das Kriegsrecht. Aus unerfindlichen Gründen wurde Pastor Braune nach einiger Zeit wieder entlassen, die Arbeit in Lobetal ging weiter. Da passierte wieder etwas, was bis heute nicht aufgeklärt werden konnte. Nach einem nächtlichen Fliegerangriff hatte die Sirene zur "Entwarnung" geheult. Wir waren aus dem Keller wieder in die Zimmer und die Betten zurückgekehrt, als plötzlich ein einzelnes Flugzeug mit gefährlichem Motorengebrumm auf Lobetal zuflog und unmittelbar danach ohrenbetäubender Bombenlärm die Erde erzittern ließ. Selten wohl waren wir so schnell wieder in den Keller gestürzt, aber nichts weiteres erfolgte, was auf einen Fliegerangriff hindeutete. Am nächsten Tag sahen wir die Bescherung. In unmittelbarer Nähe des Pfarrhauses Braune, das an dem kleinen Lobetaler Mechesee liegt, waren mehrere große Sprengbomben gefallen und hatten das gegenüberliegende Steilufer und die Badeanstalt verwüstet. Im Pfarrhaus waren sämtliche Fenster zu Bruch gegangen, aber niemandem war ein Haar gekrümmt worden. Da weit und breit kein militärisches oder volkswirtschaftlich wichtiges Ziel war, ist dieser mysteriöse Angriff später von Insidern der faschistischen Szene so gedeutet worden, daß das Lobetaler Pfarrhaus, durch seine exponierte Lage am See aus der Luft gut zu erfassen, auf diese Weise liquidiert werden sollte, und mit ihm sein unbequemer Bewohner. Derartige Bombardierung von Zielen im eigenen Lande durch die deutsche Luftwaffe im Kriege sind ja leider mehrfach bezeugt worden. Warum die Bomben das falsche Ufer trafen, wird wohl nie geklärt werden. Als Naturwissenschaftler glaube ich nicht an billige Wunder!'

Der Inhalt dieses Vortrags treibt mich auf die Barrikaden. Ich protestiere gegen eine derartige Legendenbildung und löse eine heftige Diskussion aus, die aber die Katze endlich aus dem Sack läßt. Martin Braune, Pastor Braunes ältester Sohn, der ebenso wie Helmut Engelke im Jahre 1940 gerade erst sechs Jahre alt geworden war, behauptet heute, daß ein deutsches Flugzeug im Auftrage der Reichsregierung vom Flugplatz Werneuchen, östlich von Bernau kommend, drei Bomben nacheinander, also im Reihenwurf, ausklinken sollte, um auf nach meiner Meinung fliegerisch und bombenzieltechnisch höchst fragwürdige Weise sein Elternhaus zu treffen und seinen Vater und damit logischerweise auch ihn selbst samt der ganzen Familie Braune einschließlich Hauspersonal umzubringen. Bei einem Reihenwurf von drei Bomben hätte man drei kurz nacheinander erfolgende Detonationen hören müssen. Es handelte sich jedoch um einen sogenannten Massenwurf, bei dem die Bomben gleichzeitig ausgeklinkt werden und gleichzeitig auf engstem Raum einschlagen, im Gegensatz zum Reihenwurf, bei dem sie nacheinander ausgelöst, in etwas größerem zeitlichen und räumlichen Abstand voneinander aufschlagen und explodieren. Welcher Laie will obendrein nachts die Flugrichtung festgestellt haben?

Aber es kommt noch schlimmer. Da der angeblich von nationalsozialistischer Seite geplante Mordanschlag aus der Luft fehlgeschlagen ist, wie wir ja nun aus den zitierten, im Laufe der Zeit immer skurriler werdenden Quellen erfahren haben, wurde, so Martin Braune, der Start eines ganzen Bomberverbandes der Deutschen Luftwaffe mit Kurs auf Bielefeld befohlen, um Bethel nachts anzugreifen. Eigentlich erübrigt sich die Frage nach dem Grund dieser heute auch in Bethel kolportierten ans Phantastische grenzenden Unternehmung, denke ich. Ich habe sie aber trotzdem gestellt, um dieser Legendenbildung endlich auf den Grund zu gehen. Seine lapidare Antwort lautete dem Sinne nach: Da der Anschlag mißlungen war, mußte Hitler die Denkschrift gegen die Euthanasie naturgemäß rächen, zumal auch der Leiter von Bethel, Pastor Friedrich von Bodelschwingh gemeinsam mit Pastor Braune bis zur Reichskanzlei hinauf gegen dieses barbarische Unrecht protestiert hatte [7]. Tatsächlich ist Bethel, inmitten von Bielefeld gelegen, bereits in der Nacht vom 18. zum 19.9.1940, also eineinhalb Monate vor Lobetal von Bombem der RAF aus der Luft angegriffen worden, obwohl die Dächer der Krankenhäuser mit großen roten Kreuzen auf rundem weißen Grund zum Schutz deutlich gekennzeichnet waren. Zwölf epileptische Kinder und eine Hilfsschwester werden getötet, viele Pfegebedürftige verletzt. Es entstehen erhebliche Zerstörungen. Unter der Überschrift "Kindermord in Bethel" hagelt es Proteste gegen die Luftgangster des perfiden Albion, so die damalige offizielle Sprachregelung in der deutschen Presse und im Reichsrundfunk. Ein zweiter Abwurf von Bomben auf Bethel erfolgte in der Nacht des 31.3.1941 mit 18 Todesopfern, 5 Monate nach dem Angriff auf die Badeanstalt in Lobetal. Der Vertreter der NSDAP spricht am Grab von "diesen Kriegsopfem aus den Reihen unserer Kranken" und gelobt, "daß an den englischen Mördern Rache genommen werden soll" [7].

Ich möchte hier nun keineswegs die aller Welt bekannt gewordenen, mit preußischer Gründlichkeit organisierten, mit fabrikatorischer Perfektion durchgeführten, eindeutig bewiesenen Massenverbrechen der nationalsozialistischen deutschen Regierung an Millionen unschuldigen Juden, sowjetischen Kriegsgefangenen, Antifaschisten, bekennenden Christen und Bibelforschern, Homosexuellen und eben auch körperlich und geistig schwer behinderten Mitmenschen anzweifeln. Um der Objektivität und Wahrheit willen fühle ich mich aber verpflichtet, laienhaften Vorstellungen entsprungene, abstruse Behauptungen, wie die vorstehend geschilderten, energisch zurückzuweisen. Zugegeben, stehen sich hier zwei Mutmaßungen bezüglich der Hintergründe der damaligen Ereignisse gegenüber. Doch die erste erscheint nüchtern und plausibel, die andere tendenziös und an den Haaren herbeigezogen. Die Luftwaffe des 3. Reiches verfügte zwar über zwei Sondereinheiten für spezielle Aufgaben. Das waren die Kampfgeschwader KG 100 und KG 200. Das KG 100 [8] bestand aus Pfadfindereinheiten. Die Besatzungen dieser Pfadfindermaschinen waren dazu ausgebildet, die Bomberverbände bei Nacht und Nebel mit Hilfe von Funknavigationsverfahren an das jeweilige Ziel zu führen. Die sogenannten X- und Y- Verfahren arbeiteten mit Funkleitstrahlen, die von Sendern ausgestrahlt, an Bord empfangen und ausgewertet wurden und damit eine exakte Orts- und Zielbestimmung ermöglichten. Das KG 200 [9] hatte unterschiedliche Sonderaufgaben auszuführen, wie z.B. eigene Fallschirmagenten hinter den feindlichen Linien abzusetzen oder den "Misteleinsatz" zu erproben. Hierbei weist der Deckname "Mistel" auf die Art des Einsatzes hin. Jagdflugzeuge sollten im Huckepackverfahren auf Bomber gesetzt, die mit Sprengstoff gefüllt waren, diese ins feindliche Hinterland fliegen, um sie dort auf strategisch wichtige Ziele wie Kraftwerke oder Panzerfabriken auszuklinken, hinabstürzen und explodieren zu lassen, z.B. im Ural. Die aufgesetzten Jagdmaschinen sollten danach allein heil zurückkehren. Weder die Gestapo, der SD oder die Waffen- SS verfügten jedoch über eigene Flugzeuge. Derartige Einsätze der ehemaligen Deutschen Luftwaffe, wie sie von Martin Braune unterstellt werden, hätten sich bestimmt nicht so geheim halten lassen, daß nicht spätestens nach Kriegsende irgend ein Detail davon an die Öffentlichkeit gedrungen wäre. Der NS- Sicherheitsdienst hatte im übrigen subtilere und billigere Methoden zur Verfügung, um unliebsame Volksgenossen auszuschalten.

Der deutsche Name würde in der Geschichtsschreibung wohl bis in alle Ewigkeit von jenen Verbrechen befleckt bleiben, wenn es nicht mutige Männer und Frauen des militärischen und zivilen Widerstandes gegeben hätte, die ihr Leben zum Erhalt des Lebens auch ihrer schwachen und hilflosen Mitmenschen eingesetzt hatten. Daher haben es diese mutigen Vorbilder nicht nötig, daß ihre aufopfernden Taten ein halbes Jahrhundert danach durch erfundene Legenden glorifiziert und mit Kränzen behängt werden. Mit etwa diesen Worten beende ich die Diskussion jenes Abends. Am liebsten hätte ich noch das Problem der Legendenbildung in der Geschichte des Christentums zurückverfolgt und das Rad der Geschichte in der Diskussion mal eben um 2000 Jahre zurückgedreht. Die Entstehung der Evangelien des Neuen Testaments fällt bekanntlich in ein ähnliches Zeitintervall nach der Kreuzigung des Jesus von Nazareth, wie die Legendenbildung um Pastor Braune. Aber als alter Lobetaler wage ich nicht die fromme Gemeinde durch einen solchen, sicherlich als ketzerisch empfundenen Vergleich zu schockieren. Nach den interessanten Erlebnisberichten wird das bewährte Lobetal- Lied angestimmt: ... daß wir uns hier in diesem Tal, noch treffen so viel hundert mal, Gott mag es lenken, Gott mag es schenken, er hat die Gnad...

Am Montagmorgen reisen die meisten auswärtigen Besucher des gelungenen Lobetalertreffens wieder ab. Ich fahre mit meiner Frau Renate und meiner Schwester Irmela, die ihrer Heimat bis heute treu geblieben ist, mit dem Auto zum Bogensee, um der ehemaligen Goebbels- Villa, die alle Kriegs- und Nachkriegswirren unbeschadet überstanden hat, einen Besuch abzustatten (Bild 12). Wie es der Zufall will, treffen wir einen alten Hausmeister der gerade von Westberliner Kapitalisten inspizierten ehemaligen FDJ- Hochschule "Wilhelm Pieck", die während des SED- Regimes in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Sommersitzes hochgezogen worden war. Auf das Ereignis vor 50 Jahren angesprochen, reagiert er zu unserem großen Erstaunen mit der Bemerkung: "Ja, ja, die Bomben, die damals eure Badeanstalt getroffen hatten, die waren gewiß für die Villa des Doktors bestimmt!" Da gibt es für ihn keinen Zweifel. Er erinnert sich noch sehr genau an den Vorfall zu Beginn des Krieges. Nach einem Rundgang um den schönen Bogensee (Bild 11), fahren wir drei, wieder einmal recht nachdenklich geworden, über Lanke und Biesenthal zurück nach Lobetal. Die ehemalige Goebbels- Villa ist heute ein Restaurant der inzwischen zu einer internationalen Begegnungsstätte umgewandelten Jugendhochschule der untergegangenen SED. Sie ist jetzt von der Seeseite her durch einen 50 Jahre alten Ufergürtel aus Laubbäumen und Sträuchern den Blicken entzogen.

Daß es sich damals nicht um deutsche, sondern britische Fliegerbomben gehandelt haben muß, könnte ich heute, nach 54 Jahren, durch eine metallurgische Untersuchung beweisen lassen. Denn, lieber Leser, ich habe die größten, um nicht zu sagen schönsten, der gesammelten Bombensplitter im linken Seitenfach des Schreibtisches meines Vaters, das er mir für meine Privatsachen eingeräumt hatte, sorgfältig aufbewahrt bis kurz vor dem Tag meiner Einberufung zur Flak am 29.12.1944. Wenige Tage vor meinem Auszug aus dem Elternhaus hatte ich die Splitter und zwei im Herbst 1943 von mir eigenhändig entschärfte englische Stabbrandbomben- Blindgänger, eine davon mit Sprengsatz, sowie MG- Munition aus einem in der Nähe abgeschossenen britischen Bomber vom Typ Avro Manchester, die ich an anderer Stelle gut versteckt hatte, unmittelbar hinter unserem Haus zwischen den Kellerfenstern, durch Ölpapier und geteerte Dachpappe geschützt verpackt, vergraben. Aber das ist eine andere Geschichte. Jene Altlast des 2. Weltkrieges schlummert noch heute an dieser Stelle in ihrem Grab. Allerdings ist während des vergangenen halben Jahrhunderts der Hang hinter dem inzwischen umgebauten ehemaligen Elternhaus aufgeschüttet worden, so daß der Beweis nur noch nach einer "archäologischen Ausgrabung" angetreten werden könnte. Die große Badeanstalt ist nie wieder aufgebaut worden. Vom Waldesrand am jenseitigen Ufer des Mechesees, wo sie einmal gestanden hat, schickt heute der helle Abhang aus feinem märkischen Sand dem Lobetalbesucher einen leuchtenden Gruß herüber (Bild 13).

Eigentlich sollte die Geschichte mit dem leuchtenden Gruß vom Mechesee enden. Der bereits zitierte Martin Braune ist jedoch inzwischen wieder an die Öffentlichkeit getreten. In dem Buch: "Kinder der Opposition" [10] bringt er unter der Überschrift: "Pendler zwischen Ost und West" einen flott geschriebenen autobiographischen Beitrag, in dem er es allerdings leider mit der historischen Wahrheit in einigen Punkten wiederum nicht allzu genau nimmt, insbesondere was gemeinsame Erlebnisse mit Paul- Gerhard Beier anbetrifft. Jedenfalls hat er, um das Positive zu loben, an der Legendenbildungsschraube nicht weiter gedreht. Vielleicht haben meine Argumente ein wenig dazu beigetragen. Er schreibt auf Seite 128:
"In diesen Monaten begannen auch die ersten Angriffe auf Berlin. So war es zunächst nicht verwunderlich, als am 31.Oktober 1940 Alarm gegeben wurde. Wir Kinder waren beruhigt, daß Vater am 31.Oktober wieder da war. Es wurde dunkel, es gab Entwarnung. Als wir schlafen gehen wollten, standen noch Leuchtkugeln am Himmel, und man hörte das Brummen eines einzelnen Fliegers. Ich erinnere mich an Krach und das Geklirre. Drei Bomben waren in unmittelbarer Nähe des Pfarrhauses in den Mechesee gefallen. Bis heute ist nicht geklärt, wer diese Bomben abgeworfen hat. Es wurde schon damals vermutet, daß es durchaus die Nazis gewesen sein konnten. Für uns Kinder war es am schlimmsten, daß die "große Badeanstalt" kaputt war. ... Über diese Zeit gibt es Lebenserinnerungen, die wir demnächst veröffentlichen wollen. Vater hat sie in der Haft geschrieben und herausgeschmuggelt."

Der Leser möge sich noch einmal die Mühe machen, die verschiedenen Schilderungen der damaligen Ereignisse miteinander zu vergleichen. Dabei wird er feststellen oder bereits bemerkt haben, daß die einzelnen Darstellungen um so mehr voneinander abweichen und um so abenteuerlicher klingen, je später sie berichtet werden. Das trifft in auffälliger Weise auf die Versionen von Helmut Engelke und Martin Braune zu. Es bleibt zu hoffen, daß die angekündigten Memoiren unseres verehrten Pastors in der Originalfassung veröffentlicht werden.

Literatur

[1] Evangelische Dokumente zur Ermordung der "unheilbar Kranken" unter der nationalsozialistischen Herrschaft in den Jahren 1939 - 1945. Hrsg. Hans Christoph von Hase i.A. Innere Mission u. Hilfswerk d. EKD. Stuttgart 1964.

[2] Girbig, Werner: im Anflug auf die Reichshauptstadt. Daten der Fliegeratarme während des 2.Weltkrieges in Berlin (Listen im Anhang). Motorbuchverlag Stuttgart 1970.

[3] Landkartenausschnitt: Lobetal und Umgebung, aus "1000 Wege um Berlin". Hrsg. BERLINER MORGENPOST, Deutscher Verlag Berlin, ca. 1938, Maßstab 1 : 70 000

[4] Schaper, Emmi: in "Persönliche Begegnungen und Erlebnisse mit Pastor D. Paul Gerhard Braune". v.Bodelschwinghsche Anstalten, Bethel 1980, S.15/ 16.

[5] Braune, Berta: Hoffnung gegen die Not. Mein Leben mit Paul Braune 1932 - 1954.R.Brockhaus Verlag, Wuppertal 1983. S.80.

[6] Engelke, Helmut: Das Haus in dem Honecker Zuflucht fand. Manuskript, Vortrag am 10.6.1990 in Lobetal.

[7] Bethel in den Jahren 1939 - 1943. Eine Dokumentation zur Vernichtung lebensunwerten Lebens. Bethel ? Arbeitsheft 1. 1970.

[8] Balke, Ulf: Kampfgeschwader 100 "Wiking". Eine Geschichte aus Kriegstagebüchem, Dokumenten und Berichten 1934 ? 1945. Motorbuchverlag, Stuttgart 1981.

[9] Stahl, P.W.: Geheimgeschwader KG 200. Die Wahrheit nach über 30 Jahren. Motorbuchverlag, Stuttgart, 5.Aufl. 1986.

[10] Kleßmann, Christoph (Hrsg.): Kinder der Opposition. Berichte aus Pfarrhäusern der DDR. Gütersloher Verlagshaus 1993.

[11] Faksimile- Brief von Paul- Gerhard Beier vom 30.11.1940 aus Lobetal.

Bildnachweis mit Anmerkungen


Anmerkungen

1
Paßbild von Willy Güntel, aufgenommen nach dem 2.Weltkrieg. Er war gelernter Schneider, in Lobetal jedoch als Nachtwächter eingesetzt, schwer körperbehindert und bei uns Kindern sehr beliebt. Er begrüßte die Besucher zu jeder christlichen Veranstaltung am Eingang des Kirchenportals treu bis zu seinem Tod. So hat er auch auf dem Friedhof, gleich hinter der Eingangspforte links, seine letzte Ruhestätte gefunden.

2
Horst Müller und wir am 22.7.1940.

3
Der Mechesee (Nachkriegsaufnahme).

4
Paßbild von Oskar Nötzel aus dem 2. Weltkrieg. Er war Sattlermeister, trug eine Holzbeinprothese und war bei uns Kindern ebenfalls sehr beliebt. Er ist auf Grund einer Anzeige bei der Polizei durch den Friedenshöher Schreibstuben- Angestellten Berndt von der Gestapo ins Konzentrationslager gebracht worden weil er während der Fahrt mit dem Omnibus der Reichspost von Lanke zur Försterei Woltersdorf im
angetrunkenen Zustand mit erhobener Faust: "Rotfront!" gerufen haben soll. Er ist nie zurückgekehrt, so daß angenommen werden muß, daß auch er im KZ ermordet worden ist. Diese Denunziation eines Lobetalers hatte uns damals in Anbetracht des mutigen Einsatzes von Pastor Braune für seine Schutzbefohlenen sehr empört. Ich möchte diesen beiden Anstaltsinsassen stellvertretend für viele andere Behinderte auf diese Weise hier ein bescheidenes Denkmal setzen.

5, 6
Das Lobetaler Pfarrhaus in den 20-er Jahren (Archivbilder)

7
Unser Mietshaus mit Veranda im Jahre 1908 (Archivbild ).

8
Paßbild meines Vaters Otto Richter als Oberbrandwachtmeister der Lobetaler freiwilligen Feuerwehr.

9, 10
Pastor Braune und seine Titel ( Archivbilder).

11
Der Bogensee, Aufnahme des Verfassers 1994.

12
Die ehemalige Goebbels- Villa, Aufnahme des Verfassers 1991

13
Das jenseitige Ufer, Foto von 1950.

14
Freizeitfreuden hinter den letzten Pfählen der Großen Badeanstalt. Aufnahme des Verfassers ca. 1950.

 

Nachtrag zur Legendenbildung


Den Aufsatz Legendenbildung aus meiner Episoden- Sammlung habe ich selbstverständlich auch Martin Braune, den ich für den Hauptverfechter der Nazi- Hypothese halte sowie Helmut Engelke zugesandt. Während letzterer inzwischen meiner Version weitgehend zustimmte, meldete Martin verständlicherweise Protest gegen meine Argumente an. Im zwischen uns entstandenen Briefwechsel [12] versuchte Martin nun allerdings seine Auffassung als theoretische Spekulation abzuschwächen, die jedoch, wie er schreibt: "mühelos zu machen gewesen wäre, wenn man gewollt hätte." 'Deine Mitteilung, wie der Splitter zu untersuchen sei, ist auch nicht sicher, weil schon damals "Feindbomben" zur totalen Tarnung benutzt wurden." In seiner Entgegnung heißt es weiter: 'Der Anschlag auf Bethel am 18./ 19.09.1940, also eineinhalb Monate vor Lobetal, ist auch nicht endgültig geklärt. Der Journalist Klee, den ich persönlich kenne, und der sich viel mit NS- Geschichte befaßt hat recherchierte, daß es in der Nacht vom 18. zum 19.09.1940 keinerlei anglo? amerikanische Feindbewegungen im Raum Bielefeld ? Osnabrück gegeben hat. Also liegt der Verdacht nahe, daß es eine andere Gruppe war. Aber welche?" Hierauf antwortete ich: "Deinem Journalisten Klee scheinen die Geheimhaltungsgepflogenheiten der britischen Regierung nicht bekannt zu sein, die 30-, 50- und 100- jährige Fristen je nach Relevanz des Inhalts vorschreibt. Ich möchte in diesem Zusammenhang nur auf den Begriff "ULTRA" hinweisen. Natürlich werden die niemals zugeben, deutlich gekennzeichnete Krankenhäuser bombardiert zu haben. Angloamerikanische Feindbewegungen hat es 1940 eh nicht gegeben, allenfalls englische, da die USA bekanntlich erst Ende 1941 in den 2. Weltkrieg eingetreten sind!" Daraufhin antwortet mir Martin: "Der Journalist Klee ist kein Historiker. Sein Verdienst ist es, immer wieder auf Verbrechen der NS- Zeit hinzuweisen, die in der Geschichte verschwinden. Ich habe selbst noch nicht recherchiert, sondern zitiere Herrn Klee, der allerdings bei Historikern umstritten ist, nur. Es gibt von ihm viele Veröffentlichungen in Buch- und Artikelform."
Redlicherweise möchte ich noch eine Bemerkung aus Martins Brief vom 3.7.95 zitieren: "Ein Faktum, das nicht genug bedacht wurde, ist: vor dem Bombenabwurf über dem Lobetaler See bekam Vater einen Anruf. Der Anrufer wollte nur Herrn Pastor Braune sprechen, und hat aufgelegt, als er sich meldete. Niemand weiß warum, und kurz danach fielen die Bomben."

Zum Thema Legendenbildung fand ich in dem Buch: Der Einsame von Bethel [13], das ich erst jetzt gelesen habe, mehrere Passagen, die die unterstellten Aktionen der deutschen Luftwaffe gegen Bethel widerlegen und die ich deshalb nachstehend zitieren möchte. Auf den Seiten 256 und 266 schreibt Kurt Pergande:
"In diesen Wochen, da er mit unbeugsamer Entschlossenheit gegen Mord und Willkür kämpfte, traf Bethel ein Unglück, das niemand sich vorzustellen vermocht hatte, am wenigsten Pastor Fritz. Bethel war eine Kranken? und Lazarettstadt. Seine Dächer waren deutlich mit dem Roten Kreuz gekennzeichnet, besonders die Dächer seiner Krankenhäuser. In der Nacht vom 18. zum 19. September 1940 wurde Fliegeralarm gegeben, Feindflugzeuge waren im Anflug auf Bielefeld und Bethel. Bald flammten die Leuchtbomben am Nachthimmel auf, und dann fielen in das entsetzte Bethel hinein die Sprengbomben. Zwölf kleine Mädchen und eine Hilfsschwester wurden getötet, eine große Anzahl Kinder schwer und leicht verletzt. Fassungslos stand Pastor Fritz vor diesem Unglück, die zerstörten Häuser boten einen Anblick des Schreckens. Niemals war über Bethel so Schweres und Dunkles hereingebrochen, und es sollte erst der Anfang von allem Schweren und Unbegreiflichen sein, was Bethel in dieser Hinsicht zu bestehen hatte."
"Die Nacht fiel. Die Ärztekommission übernachtete in einem Bielefelder Hotel. Da rissen die Sirenen Bielefeld und Bethel wieder einmal aus dem Schlaf, Feindbomber waren im Anflug auf Bielefeld. Pastor Fritz kleidete sich rasch an. Die Luft war von dem bekannten rhythmischen dumpfen Brummen erfüllt und dann vom Rauschen und Pfeifen der fallenden Bomben. Über Bethel ging der zweite Angriff nieder. Wieder erbebte die Erde, wieder stürzten Häuser wie Kartenhäuser zusammen, wieder brannte es an zehn, fünfzehn oder zwanzig Stellen. Der Angriff kostete siebzehn Kranken und einem Diakon das Leben. Am Morgen erschien die Ärztekommission wieder in Bethel, ging vorüber an den zusammengestürzten Häusern, an noch brennenden Trümmern, an den Opfern und setzte ungerührt ihre Tätigkeit fort. Was aber tat die Propaganda? Sie nahm sich, wie nach dem ersten Angriff, des Falls wieder an. An den Gräbern der Opfer wurde von führenden Parteigrößen erneut von der Ruchlosigkeit des Anschlags auf die in aller Weit gerühmte Stätte der christlichen Nächstenliebe, auf wehrlose Kinder, Kranke und Schwachsinnige gesprochen - dies zu der gleichen Zeit, als die Ärztekommission ihre vorbereitenden Arbeiten für die Auswahl der zu tötenden Kranken abgeschlossen hatte! In diesen Tagen kam sich Bethel wie ein wehrloses Opfer vor, tödlich bedroht aus der Luft und ebenso tödlich bedroht durch die Ärztekommission. Die Erregung in dem kleinen Stadtstaat stieg auf den Siedepunkt." Auf Seite 268 schreibt F. von Bodelschwingh u.a. an Dr. Brandt:
"Diese Lage ist nicht erleichtert worden durch den am Abend nach Ihrem Besuch erfolgten zweiten Abwurf englischer Bomben. Denn dadurch ist Bethel erneut ohne unser Zutun in das Licht der Weltöffentlichkeit gerückt worden. Am Grab der 18 Opfer fand die Teilnahme weitester Kreise ergreifenden Ausdruck. Der Vertreter der Partei sprach mit warmen Worten von diesen Kriegsopfern aus den Reihen unserer Kranken und gelobte, daß an den englischen Mördern Rache genommen werden solle. ... Darum wage ich Sie herzlich zu bitten: Könnten Sie nicht dem Führer vorschlagen, das Verfahren mindestens so lange ruhen zu lassen, bis ihm nach dem Krieg eine klare gesetzliche Grundlage gegeben ist?"

Auf den Seiten 286 und 287 ist schließlich zu lesen:
"Elf Luftangriffe waren über Bethel hinweggegangen, es war von siebzig Sprengbomben getroffen und von bald dreißigtausend Brandbomben überschüttet worden und hatte achtundfünfzig Todesopfer zu beklagen. Den schwersten Angriff erlebte es am 29. Januar 1945. Es verlor in dieser einen Nacht Wohn- und Unterkunftsraum für 900 Kranke. Pastor Fritz lag krank in einem Außenheim von Bethel, als er die Schreckensnachricht erhielt. Er stand auf, bat um ein Auto und fuhr zu seinem Bethel, das einem Feuermeer glich. Von Brandstätte zu Brandstätte ließ er sich fahren. Es kam kein Wort der Klage oder Erbitterung über seine Lippen, kein Wort der Verzweiflung. Seine Sorge galt allein den Kranken und allen anderen obdachlos Gewordenen, und erst, als er sich überzeugt hatte, daß Notunterkünfte für alle beschafft worden waren, ließ er sich zu seinem Heim zurückfahren. Der letzte Fliegerangriff im Februar traf ein Pflegeheim für Mädchen; vierzehn Insassen fanden den Tod.
Über die Luftangriffe auf Bethel gingen ungeheuerliche Gerüchte in der Bevölkerung um. Es hieß, Bethel sei zum Zwecke der propagandistischen Auswertung von deutschen Fliegern bombardiert worden. Die Anstaltsleitung ist nach dem Kriege diesen Gerüchten nachgegangen, weil sie nicht verstummen wollten. Immer wieder wurde behauptet, daß Fliegeroffiziere, die sich geweigert hätten, Bomben auf Bethel zu werfen, ins KZ gesperrt worden seien. In jedem Fall hat die Nachforschung erwiesen, daß diese Gerüchte nicht stimmten."

Die zitierten Passagen dürften wohl zur Genüge die Behauptung entkräften, daß die deutsche Luftwaffe aus propagandistischen oder anderen absurden Gründen, Bomben auf Kranke in den Krankenhäusern oder auf ihre verwundeten Kameraden in den Lazaretten Bethels geworfen hat. Derartige Aktionen wären allein an der notorischen Rivalität zwischen dem Oberbefehlshaber der Luftwaffe, dem Reichsmarschall Hermann Göring und dem Reichspropagandaminister Dr. Joseph Goebbels gescheitert, die aus mehreren amtlichen Quellen zu belegen ist. Der Autor des Buches: Der Einsame von Bethel [13] liefert für einen der Luftangriffe auf Bethel sogar den Beweis für die Urheber, mit dem ich diese Ergänzung zur Legendenbildung abschließen möchte. Kurt Pergande schreibt auf S.287:

"Ein Zufall, so seltsam, wie eben nur Zufälle sein können, brachte über einen Angriff Authentisches ans Licht. Der Sohn eines in Bethel amtierenden Pastors, der auf einer Studienreise durch die USA war, schrieb am 12. April 1952 an seinen Vater nach Bethel:
"Es war eine interessante Autofahrt, die wir mit einem anderen Studenten hatten. Der Student am Steuer fragte mich nach Bethel/ Bielefeld, und dann kam heraus, daß er den letzten großen Angriff im Februar 1945 geflogen hatte. Der Himmel war wolkig gewesen und die Orientierung mit Radar nicht exakt. Er selbst war Navigator und damit mehr als seine Kameraden für das Unheil verantwortlich. Sie dachten schon über Bielefeld zu sein, als sie uns den >Segen< gaben. Es war einer der vielen bösen >Zufälle< des Krieges. Am nächsten Tag erfuhren sie dann selbst erschrocken, was sie angerichtet hatten ... Es war ein merkwürdiges Gefühl, solch einem Manne gegenüber zu sitzen. Der ganze Fluch des Krieges wurde einem da wieder klar..."

Zum Abschluß möchte ich noch einmal auf die Motivation zurückkommen, die mich bewogen hat, diese Episode überhaupt zu schreiben. In letzter Zeit häufen sich Aktivitäten rechtsradikaler Kreise, die anscheinend darauf abzielen, Verbrechen der Nationalsozialisten als Lügen der Siegermächte hinzustellen. Um derartigen Revisionisten keine weitere Munition zu liefern, wie es z.B. leider mit den sowjetischen Verbrechen der Ermordung von 16000 polnischen Offizieren bei Katyn geschehen ist, die bekanntlich auch der Deutschen Wehrmacht angelastet wurde, habe ich versucht, die Ereignisse zu beleuchten, die in dieser Episode eine Rolle spielen.


Literatur

[12] Schriftwechsel mit Martin Braune, Bethel, vom 28.6.95 (Richter), 3.7. (Braune), 24.7. (R.), ?15.?10. (B.) und 17.10.95 (R.).

[13] Pergande, Kurt: Der Einsame von Bethel. Vater Bodelschwingh und die Geschichte seines Werkes. Quell- Verlag Stuttgart 1953, 5. Aufl. 1962, 365 S., 32 Abb.


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