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Der Run auf die Bombe

Einige erste Betrachtungen

Über Forschungen, Buchankündigungen und Sensationen

Anfang März 2005 rauschte es im Blätterwald der deutschen und österreichischen Medien. Dicke Schlagzeilen wie "Hitlers Jagd nach der Atombombe" (SPIEGEL online), "Heller Blitz" (TA online) oder "In Geheim-Reaktor in Berlin: Hitler baute Atombombe" (BZ) ließen nichts Gutes erwarten.

Auslöser des ganzen Rummels war die Ankündigung eines neuen Buches von Dr. Rainer Karlsch durch dessen Verlag, die Deutsche Verlagsanstalt. Darin heißt es:

Hitlers Bombe
Die geheime Geschichte der deutschen Kernwaffenversuche

Unter Aufsicht der SS testeten deutsche Wissenschaftler 1944/45 auf Rügen und in Thüringen nukleare Bomben. Dabei kamen mehrere hundert Kriegsgefangene und Häftlinge ums Leben.
Nach jahrelanger Recherche entschlüsselte der Berliner Historiker Rainer Karlsch eines der größten Rätsel des Dritten Reiches. Neben Belegen für die Kernwaffenversuche fand er auch einen Entwurf für ein Plutoniumbombenpatent aus dem Jahr 1941 und entdeckte im Umland Berlins den ersten funktionierenden deutschen Atomreaktor.

Gebunden mit Schutzumschlag
432 Seiten mit 38 s/w-Abbildungen und 2 Karten

ISBN: 3-421-05809-1
Preis: € 24,90 / sFr 43,50

Quelle: DVA

 

Auch sonst klappte es mit der Vermarktungsstrategie. Die Pressesuchmaschine paperball.de warf auf die Anfrage "Atombombe Thüringen" am 04.03.05 gleich 29 Suchergebnisse aus, die alle auf die Bucherscheinung und die sensationellen Erkenntniss hinwiesen. Darunter alle großen Zeitungen und Magazine des Landes. Nur "Die Welt" äußerte sich kritisch. (damals: http://www.welt.de/data/2005/03/05/605254.html). Später kam dann noch ein an Unwissenheit, aber auch kämpferischen Aktionismus nicht mehr zu überbietender Artikel der Süddeutschen Zeitung dazu. (damals: http://www.sueddeutsche.de/,trt3m1/panorama/artikel/884/48836/)

Dr. Karlsch ist nicht irgendwer, er gehört weder zur Gruppe der als "Hobbyhistoriker" verunglimpften und teilweise lächerlich gemachten Zeitgenossen noch ist er als Verschwörungstheoretiker in Erscheinung getreten. Er promovierte 1986 an der Humboldt- Universität in Berlin und war danach immerhin Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Humboldt-Universität, der Historischen Kommission Berlin und der Freien Universität Berlin. Man sollte also meinen, hier werden Tatsachen geliefert, die einer wissenschaftlichen Nachprüfung standhalten werden.

Dem interessierten Laien steht also schon der Mund offen, bevor das Buch eigentlich erschienen und der Knoppsche Filmbeitrag über die Mattscheibe geflimmert war. Was reden die hier von thermonuklearen Explosionen auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf, von Atombombentests auf Rügen und in Thüringen?

Angelesen

Ich habe das Buch angelesen. Und vorab: Ich habe selten eine solche Ansammlung von logischen Fehlern, sachlichen Fehlern, bewußten Weglassungen, Widersprüchen in begründenden Thesen, wüsten Spekulationen und Irreführungen gelesen. Das betrifft sowohl physikalische Grundlagen, Orte, Personen, als auch Objekte. Mit einer wissenschaftlichen Veröffentlichung eines Berufshistorikers hat das Werk nichts gemein.

Beispiel Objekt Riese

Zur Verdeutlichung meiner Behauptungen sollen folgende Aussagen zum Objekt Riese dienen, die fast alle o.g. Elemente enthalten (Seite 199):

In der Nähe des Dorfes Ludwigsdorf (heute Ludkowice) betrieb die Firma Dynamit Nobel eine Zeche und eine Munitionsfabrik. Außerdem finden sich neben der dortigen Wenzeslaus-Zeche imposante Überreste einer unbekannten technischen Anlage. Kreisförmig mit einem Durchmesser von rund 35 Metern sind ungefähr zwölf Meter hohe Betonsäulen angeordnet. Ins Zentrum der Anlage führte eine massive Stromleitung. Überraschenderweise ergab eine Untersuchung des Betonputzes, dass dort Kobalt 60 zu finden ist, das vornehmlich infolge einer starken Neutroneneinwirkung auf Eisen oder Nickel entsteht.

Das klingt logisch und nachvollziehbar. Ist es aber nicht.

Die Firma Dynamit-Nobel betrieb dort weder eine Zeche noch eine Munitionsfabrik. Diese Aussagen sind beide falsch. Der Zechenbetrieb wurde ausweislich aller vorhandenen Unterlagen (die reichlich und schriftlich vorliegen, denn die Wenzeslaus- Grube war der modernste Bergbaubetrieb Schlesiens in der damaligen Zeit) eingestellt, BEVOR Dynamit-Nobel auf dem Gelände eine chemische Produktion errichtete. Alle bergbaulichen Anlagen wurden bei Schließung der Gruben mit deutscher Gründlichkeit verwahrt, Einbauten und Technik weiterverkauft. Es war für Dynamit Nobel unmöglich, die Zechen weiter zu betreiben. Diese Aussage ist also falsch. Über das Produktionsspektrum ist absolut nichts bekannt. Aus den Berichten von Ortsansässigen und dort eingesetzten Häftlingen kann man schlußfolgern, daß mit TNT gearbeitet wurde (gelbe Hautfärbung) und/ oder Initialzündstoffe hergestellt bzw. frakturiert wurden (Bauten mit entsprechender Schutzeinteilung). Es gibt keinerlei Nachweise oder gar Belege für eine Munitionsherstellung. Auch diese Aussage ist offensichtlich falsch, oder aber mit keinerlei sonstigen Aussagen zu unterlegen.

Die Bauten der Wenzeslaus-Grube und der chemischen Fabrik befanden sich mitnichten bei der Ortslage Ludkowice. Diese Aussage im Buch ist falsch. Diesen Ort gibt es auch in Schlesien, aber eben ohne Wenzeslaus-Grube und Dynamit-Nobel. Die richtige heutige Ortsbezeichnung lautet Ludwikowice oder besser Milkow-Ludwikowice für Mölke-Ludwigsdorf.

Die Aussage, es handele sich um Überreste einer unbekannten technischen Anlage ist falsch. Es gibt ausreichende Hinweise darauf, daß es sich bei diesen Funddamenten um die Reste eines Gas-Hochspeicherbehälters oder um einen Kühlturm handelt. Polnische Forscher haben einen Kühlturm auf ebend solchem Fundament an anderer Stelle gefunden und fotografiert. Als heute allgemein akzeptierte These unter den mit der Anlage befaßten Forschern wird angenommen, daß es sich um einen Kühlturm handelt.

Die Behauptung "ins Zentrum der Anlage führte eine massive Stromleitung" ist falsch, weil in dieser Form durch nichts belegbar. Es kann sich genausogut um eine Rohrleitung oder um eine Entwässerung gehandelt haben.

Die Behauptung, man habe "Betonputz" untersucht, ist falsch. Bei den verbliebenen Resten handelt es sich um massive Stahlbetonkonstruktionen. Kein Putz vorhanden => keine Untersuchung von Putz möglich.

6 offensichtliche und nachweisbar falsche Behauptungen auf 10 Zeilen!

Wer meint, es handele sich um einen Einzelfall in dem Buch, der sei getröstet: Solcherart Vorgehen zieht sich von der ersten bis zur letzten Seite quer durch das Buch. Wir erinnern uns: Der Anspruch hieß: "Sechzig Jahre später hat der Berliner Historiker Rainer Karlsch die Wahrheit rekonstruiert" (Umschlagklappe des Buches). Unter Wahrheit, von einem beruflichen Historiker rekonstruiert, verstehe ich etwas grundlegend anderes.

Es wird interessant sein, wie sich die hauptberuflichen Historiker zu diesem Werk positionieren. Und es wird Jahre dauern, bis die Historiker jede falsche Behauptung im Buch gefunden und analysiert haben.

Vermutlich wird diese Aufgabe wieder mal nur bei den in einer Fußnote zum Vorwort sowie in anderen Publikationen von Berufshistorikern beschimpften "Amateurhistorikern" hängenbleiben. Und die Ergebnisse werden im Gegensatz zum Buch wenig bis nicht beachtet werden.

Es ist ein Trauerspiel...

© Dieter TD 03/2005

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