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Der "Test" bei Ohrdruf

Das Testgebiet allgemein

Alle nachfolgenden Zitate beziehen sich, soweit nicht anders angegeben, auf das Buch von Rainer Karlsch, "Hitlers Bombe", DVA 2005, ISBN 3-421-05809-1

Der zweite und eventuell der dritte Kernwaffentest des Dritten Reiches sollen laut Karlsch auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf/Thüringen stattgefunden haben. Karlsch führt zur Ortswahl einleitend kurz aus: "Obwohl die Wehrmacht seit 1936 auf dem Truppenübungsplatz Ohrdruf Waffen und Munition erprobte und man sich in den umliegenden Ortschaften längst an Explosionsgeräusche gewöhnt hatte, erstaunt die Auswahl des Testgebietes." (S. 210 unten)

Die Auswahl erstaunt nicht nur Herrn Karlsch, sondern auch mich. Aber zuerst mal ist festzustellen, daß die Aussage oben so nicht stimmt und es sich scheinbar um eine reine Zweckaussage handelt. Der Truppenübungsplatz Ohrdruf war nie ein Erprobungsgebiet für Waffen und Munition, sondern das, was er heute noch ist: ein Truppenübungsplatz. Eine umfassende Darstellung der Geschichte des Truppenübungsplatzes, die jedem Interessierten nur empfohlen werden kann, ist in [1] zu finden. Hieraus geht klar hervor, das eben keine Erprobungen von Waffen im eigentlichen Sinne stattfanden, sondern ein reiner Übungsbetrieb mit allen Nebenaufgaben, die so ein Truppenübungsplatz noch hat - von Aufstellung militärischer Einheiten bis hin zu einem Übungsbetrieb unter realistischen Bedingungen. Das schließt sicherlich Schießbetrieb auch mit Panzerfahrzeugen oder einzelne Sprengungen mit ein, wobei aus [1] jedoch klar hervorgeht, daß der Übungsbetrieb zum Kriegsende hin erheblich abgenommen hat. Es ist also mitnichten so, daß die Bevölkerung zum angenommenen Testzeitpunkt an Explosionen tonnenschwerer Ladungen "gewöhnt" gewesen wäre.

Die Unterscheidung zwischen einem Erprobungsgelände und einem Truppenübungsplatz ist auch sonst wesentlich. Es war auch unter den Bedingungen der Kriegswirtschaft und in den letzten Monaten des Krieges nicht so, daß ein Wissenschaftler eine Bombe genommen hätte, in den Wald ging und mal sehen wollte, "was passiert". Waffenerprobungen sind wissenschaftliche Untersuchungen, die ein gehöriges Maß an Infrastruktur und qualifiziertem Personal erfordern und auch im 2. Weltkrieg erfordert haben. Für den Platz in Hillersleben ist das beeindruckend in [2] beschrieben. Der Truppenübungsplatz Ohrdruf wies diese Infrastruktur nicht auf und es gibt keinerlei objektive Hinweise darauf, daß sie zum Kriegsende hin auch nur teilweise geschaffen wurde.
Nun könnte der kritische Leser anmerken, schließlich hätten auch Erprobungen der sogenannten Hochdruckpumpe ("Fleißiges Ließchen") u.a. auf Wollin stattgefunden - in der Nähe von Dörfern und ohne Infrastruktur. Ja - das war auf den ersten Blick so. Allerdings nur auf den ersten Blick. Auf Grund der Reichweite und der hohen Fehlerquote während der Tests mußte ein Platz gefunden werden, der einen Abschuß in Zielgebiete zuließ, die menschenleer waren. Dazu bot sich die Ostsee an. Notwendige Meßgeräte waren vor Ort installiert, zur Flugverfolgung wurden die entlang der Ostseeküste gelegenen Stationen der Überwachung der Peenemünde- Versuche mitgenutzt.

Das Gelände des Truppenübungsplatzes ist Karstgebiet. Das bedeutet im Klartext: Durch geologische Vorgänge haben sich unter dem Plateau des Truppenübungsplatzes Hohlräume gebildet - teilweise recht oberflächennah. Manchmal stürzen solche Hohlräume aus natürlicher Ursache heraus ein. Es bilden sich große Trichter und man kann auch über Tage einen Begriff von der Größe des ehemaligen Hohlraumes erhalten.

Großer Erdfall auf dem Truppenübungsplatz

Das Zünden größerer Sprengladungen (jenseits 1000 kg TNT-Äquivalent) hat in solch einem Karstgebiet natürlich Folgen. Durch die plötzliche tektonische Belastung stürzen weitere Hohlräume zeitgleich ein, was sich unschwer an den neu entstandenen Erdfällen erkennen ließe. Ein Vergleich der Luftbilder 1944 und 1953 zeigt allerdings, daß keine neuen Erdfälle hinzugekommen sind.
Das Einstürzen unterirdischer Hohlräume führt zu einem weiteren Effekt: Die Wasserführung wird verändert. Das Plateau des Truppenübungsplatzes wird u.a. über eine Quelle entwässert: den Mühlberger Spring. Das Einstürzen von Hohlräumen führt zur Verlegung dieser Jahrtausende alten Entwässerung, da auch die Lage wasserundurchlässiger Schichten verändert wird bzw. diese durch die Einstürze zerstört werden. Das muß dauerhaft gravierende Folgen auf die Wasserführung haben. Nichts dergleichen ist zu beobachten gewesen.

Auf dem Truppenübungsplatz und in dessen unmittelbarer Nähe befindet sich eine größere Anzahl ziviler Siedlungen. Anfang 1945 bestanden darüber hinaus noch Nord- und Südlager als Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald und das Amt 10 auf dem Platz selbst.

"Als die Russen an der Oder, also schon in bedrohlicher Nähe Berlins standen, befahl Hitler Vorbereitungen für die Verlegung des gesamten Hauptquartiers nach Mitteldeutschland zu treffen. Teile der Regierung und die militärische Führung sollten in der Nähe des Truppenübungsplatzes Ohrdruf untergebracht werden." [3] Auch andere Quellen belegen hinreichend, daß diese Verlegung nicht nur vorbereitet und geplant war, sondern die praktische Durchführung auch begonnen wurde.

Es besteht darüber hinaus der begründete Verdacht, daß auf dem Truppenübungsplatz und in dessen unmittelbarer Umgebung eine nicht unerhebliche Anzahl geheimer unterirdischer Bauten errichtet worden ist oder zumindest damit begonnen wurde. Literatur hierzu gibt es mehr als reichlich, erinnert sei an die Autoren Remdt, Fäth, Brunzel u.a. Große Explosionen auf dem Platz hätten diese Bauten und ihre Infrastruktur erheblich geschädigt, auftretende radioaktive Verseuchung die kurzfristige Nutzung unmöglich gemacht. Tektonische Erschütterungen bewirken in begonnenen Stollenanlagen Firstbrüche des ohnehin nicht stabilen Muschelkalkes, die Druckluftzuführungen und Gleise unbrauchbar machen. Bedingt durch die geologische Struktur des Muschelkalkes brechen große Gesteinsmengen in die Stollen und verlegen diese. Auch oberflächennahe Verbindungen werden unterbrochen - was besonders bei Fernmeldeverbindungen zum Amt 10 Folgen für das Funktionieren kriegswichtiger Verbindungen hat.

Das ist die Grundsituation in der Gegend, in der der zweite (oder dritte) Kernwaffentest des Dritten Reiches durchgeführt worden sein soll.

[1] - Cramer, Zeigert u.a. "Truppenübungsplatz Ohrdruf", Jung-Verlag, Zella-Mehlis/Meiningen 1995, ISBN 3-930588-23-4
[2] - Axel Turra "Heeresversuchsstelle Hillersleben", Podzun-Pallas-Verlag 1999
[3] - Rittmeister Gerhard Boldt 1947, zitiert nach G. Remdt, TA-Serie zum 50. Jahrestag der Befreiung, Teil 8

 

© by Team Delta, Dieter TD, 06/2005

 

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