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Mittelfranken: Rüstungsproduktion in Bierkellern 1944 / 45

Als alliierte Bombenangriffe die Rüstungsproduktion in Deutschland empfindlich lähmten, gründete die Naziführung am 1. März 1944 den 'Jägerstab'. Aufgabe des Jägerstabes war die bombensichere Verlegung kriegswichtiger Rüstungsfabriken unter die Erde. Priorität hatte die Herstellung von Jagdflugzeugen, Raketen, Radar- und Funkelektronik. Eisenbahn- und Straßentunnel wurden dafür auserkoren, Festungskasematten, Höhlen und Brauereikeller. Auch mit dem Neubau unterirdischer Fabrikationshallen und Bunkerfabriken wurde begonnen. Die Verlagerung von Rüstungsbetrieben erfolgte unter höchster Geheimhaltung. Alle Untertageprojekte erhielten Tarnbezeichnungen - benannt nach Frauennamen, Gesteinsarten, Münzen oder Tieren. Doch nur in einem Teil der Projekte wurde vor Kriegsende tatsächlich noch mit der Produktion von Rüstungsgütern begonnen.

In Franken entstand bei Hersbruck eines größten Bauwerke - mit dem Tarnnamen Doggerwerk. KZ-Häftlinge und SS-Sträflinge mussten unter der Anleitung deutscher Fachkräfte den Berg Houbirg für die Fertigung von BMW-Flugzeugmotoren aushöhlen. Die Bauarbeiten kosteten viertausend Häftlingen das Leben. Die Stollenanlage mit einer Gesamtlänge von vier Kilometern ist für die Öffentlichkeit bisher nicht zugänglich. In Mittelfranken sind mindestens vierzehn unterirdische Rüstungsprojekte belegt. Es handelte sich überwiegend um Brauereikeller.

In Fürth sollten drei große Kellergewölbe zweckentfremdet werden. Die 'Keller der Stadtgemeinde' sind als 'Frieda' verzeichnet und die Gewölbe von Geismann-Bräu in der Bäumenstrasse erhielten den Tarnnamen Natalie. Heute befindet sich an Stelle der Brauerei ein Einkaufszentrum. Die dritte Fürther Kelleranlage mit dem Decknamen 'Marianne' konnte bisher noch nicht lokalisiert werden. Wenige Kilometer von Fürth entfernt verbirgt sich hinter der Tarnbezeichnung Käthe sich die Alte Feste Zirndorf. Zeitzeugen berichten von eingelagerten Flugzeugteilen und anderem Kriegsgerät auf 1.400 Quadratmetern Gewölbefläche in den Jahren 1944 und 45. Während des Zweiten Weltkrieges fertigte die Firma Bachmann & von Blumenthal in Fürth Teile für Kampfflugzeuge und unterhielt auf der Hardhöhe einen eigenen Werksflugplatz.

Hinter dem Decknamen Nora verbergen sich die Sommerkeller der Schlossbrauerei Ellingen.
Ältere Einwohner von Ellingen berichten, die Kegelbahn der Ausflugsgaststätte wurde zu einer Unterkunft für Arbeitskräfte aus dem Baltikum umfunktioniert, die in den Kellern Munition herstellten. Auch das benachbarte Weißenburg ist mit dem Geheimprojekt 'Trina' in der Liste der Untertageverlagerungen verzeichnet. Ein Bauplan vom 16. Oktober 1944 über den Ausbau des 'Wolkerdorfer Keller' im Weißenburger Waldwinkel trägt die Firmenbezeichnung Triumph. Das Triumph Werk in Nürnberg hat während des Zweiten Weltkrieges Motorräder für die Wehrmacht und Munition gefertigt. Laut Bauplan sollte vor den Weißenburger Bierkellern eine Holzbaracke zur Unterbringung von 'vierzig Ostarbeiterinnen' errichtet werden. Bis zur Ankunft der Amerikaner war der Ausbau der 450 Meter langen Stollenanlage fast vollendet. Lüftungsschächte wurden zu Kaminen für Ofenheizung umfunktioniert. Die Entwässerung ist noch heute in Betrieb und die Stromversorgung mit Keramik-Isolatoren im Originalzustand erhalten. In einem Stollen sind kyrillische Buchstaben und das Datum 2. März 1945 in den Sandsteinfels eingraviert. Ältere Weißenburger Bürger erinnern sich, dass in den Bierkellern Kleidung, Lebensmittel und Schnaps der Wehrmacht eingelagert waren, die bei Kriegsende von der Bevölkerung geplündert wurden.

Die Rüstungsinspektion XIII mit Sitz Spittlertorgraben 5 und 7 in Nürnberg leitete in Mittelfranken die Untertageverlagerungen. Welche Betriebe in den Kellern produzieren sollten ist nur in wenigen Fällen bekannt. Die Dokumente fielen Bomben zum Opfer oder wurden kurz vor dem Einmarsch der amerikanischen Truppen verbrannt. In Nürnberg sollte in den Bier- und Eiskellern der damaligen Tucher Brauerei zwischen Hirschelgasse und Lange Gasse Kriegsgerät hergestellt werden. Doch die Felsgewölbe dienten bis Kriegsende als Luftschutzräume für die Bevölkerung.
In den Bierkellern der Lederer-Brauerei an der Nürnberger Bärenschanzstraße wurden dagegen 1944 und 45 tatsächlich Rüstungsgüter hergestellt. Die Motorradfabrik ARDI in der Preißlerstraße im Stadtteil Gostenhof musste während des Zweiten Weltkrieges ihre Produktion auf die Fertigung von Läufen für Vierlingsflugabwehrgeschütze und Motoraufhängungen für das Jagdflugzeug Me 109 umstellen. Als die Bombenangriffe auf Nürnberg zunahmen verfügte die Rüstungsinspektion die Verlagerung eines Teiles der ARDI Produktion in den Untergrund der Lederer-Brauerei. Der Deckname lautete 'Stamo'. Auf vier Stockwerken tief unter der Erde arbeiten vierhundert deutsche Werksangehörige, etwa 200 russische Kriegsgefangene und einige Franzosen. Hans K. begann am 19. Februar 1945 als fünfzehnjähriger Junge eine Ausbildung zum Technischen Zeichner bei ARDI. In den Brauereigewölben arbeitete er mit Russen zusammen. Auch heute noch erinnert sich Hans K. gut darin, wie die Kriegsgefangenen von ihren Unterkünften an der Sigmundstraße zur Arbeit geführt wurden. Schon von weitem hörte er das Geklapper der Holzpantinen auf dem Kopfsteinpflaster der Straßen von Gostenhof. In den letzten Kriegsmonaten zog auch das Polizeirevier Gostenhof in die Brauereikeller um.

Von allen unterirdischen Rüstungsfabriken in Mittelfranken ist das Projekt 'Erna' mit am besten dokumentiert - der Ausbau der Bierkeller im Erlanger Burgberg. Am 9. Juni 1944 besichtigten zwei Ingenieure der Rüstungsinspektion Nürnberg mit Vertretern der Stadt Erlangen und Eigentümern die elf Kelleranlagen. Im Erlanger Rathaus war man von den Plänen der Rüstungsinspektion nicht begeistert und argumentierte, die Stadt lagere in den Kellern Medikamente sowie Gasschutzkleidung und die Heeresverwaltung Verbandsstoffe und Kartoffel. Außerdem sollte die Befehlsstelle vom Rathaus in die Keller verlegt werden. Die Rüstungsinspektion setzte sich über die Einwände hinweg und beschlagnahmte am 29. Juli 1944 die Felsenkeller. Ein Teil des Siemens-Reiniger Werkes Erlangen sollte bombensicher untergebracht werden. Später kamen die Firma Gossen und Siemens-Plania Berlin hinzu. Siemens stellte im Zweiten Weltkrieg den 'Zielflugpeilempfänger Ludwig' und Kurskreisel für die Luftwaffe her.
Die Kosten für den Ausbau der kilometerlangen Gänge wurden auf 870.000 Reichsmark kalkuliert. Bauherr war das deutsche Reich. Unter Leitung der militärischen Bauorganisation 'Todt' brachen deutsche Bergleute die Felswände zwischen den Kellern heraus und vergrößerten die Hohlräume. Im Oktober 1944 stürzte dadurch an zwei Stellen der Berg ein. Am Pfaffenweg öffnete sich ein vier Meter breiter und sieben Meter tiefer Krater.
Zeitzeugen erinnern sich, dass auch Franzosen und Belgier in der Stollenanlage arbeiten mussten. Als amerikanische Truppen am 16. April 1945 Erlangen besetzten, sollen bereits die ersten Maschinen in den Kellern gestanden haben, aber mit der Produktion von Rüstungsgütern noch nicht begonnen worden sein. Nach dem Krieg wollten die Erlanger wieder ihre Bergkirchweih feiern, doch viertausend Kubikmeter Abraum aus den Kellern bedeckten die Biergärten. Nach einem Aufruf der Stadtverwaltung zogen im April 1946 hundertfünfzig Freiwillige zum Berg und schaufelten das Geröll weg. Heute finden im Sommer an Wochenenden Führungen durch die Erlanger Bergkeller statt.

Während des Zweiten Weltkrieges waren Erlangen und Eckental noch mit einer Bahnlinie verbunden. Etwa auf halber Strecke liegt das Dorf Kleinsendelbach. Die Keller im Sandsteinhügel am nördlichen Dorfrand nutzte seit Jahrhunderten die Neunkirchener Brauerei zur Kühlung von Bierfässern. 1944 wurden die Hohlräume für einen unterirdischen Rüstungsbetrieb erweitert. Ältere Einwohner erinnern sich, dass ausländische Zwangsarbeiter in den letzten beiden Kriegsjahren elektrische Kleinteile in den Gewölben herstellten. Während fast alle genannten unterirdischen Rüstungsanlagen verschlossen sind oder nur mit Genehmigung der Privateigentümer besucht werden können, liegt das Kleinsendelbacher Kellersystem offen zugänglich am Waldrand.

Gerhard Faul, Nürnberg

empfehlenswert: 'KZ Hersbruck und das Doggerwerk', Dokumentarfilm 30 Minuten,
Medienladen e.V., Königstraße 93, 90402 Nürnberg, Tel. 0911-2059154, www.medienladen-ev.de, VHS/DVD 25 Euro plus Porto

Buch 'Sklavenarbeiter für den Endsieg - KZ Hersbruck und das Rüstungsprojekt Dogger',
176 Seiten mit vielen Fotos u. Plänen, 13 Euro, ISBN 3-00-011024-0,
Dokumentationsstätte KZ Hersbruck e.V., Mauerweg 17, 91217 Hersbruck
Telefon 09151 - 822920, www.kz-hersbruck-info.de
E-Mail: dokustaette.hersbruck@gmx.de

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