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Marinefunk

 

Die nachfolgende Beschreibung ist der Veröffentlichung von Dr. Richter unter dem Titel “Deckname Koralle” entnommen.
Jedem Koralle- Interessierten kann die Veröffentlichung nur empfohlen werden. In einer Mischung aus persönlichem Erleben und gründlichen Recherchen wird ein lebendiges Bild des Objektes vermittelt. Leider sind die entsprechenden Zeitschriften nicht mehr erhältlich (FUNKGESCHICHTE; Hefte 94 und 95 aus 1994, 101 und 102 aus 1995 sowie 107 und 109 aus 1996).

Hier der Ausschnitt:

... Bei Eberhard Rössler sind diese Sender spezifiziert: “Als Kurzwellensender stand der U- Bottführung anfangs eine große Anlage eine große Anlage in Sengwarden zur Verfügung. Nach der Besetzung Frankreichs befanden sich die Hauptsender für den U- Bootfunkverkehr in Sainte Assise bei Paris. Dazu kam noch die Großfunkstelle in Angers und später zwei 150 kW- Sender in Nauen. Eine große Bedeutung für die fernführung der deutschen U- Boote hatten auch die Längstwellen, die von den Booten mit ihren Peilrahmen- Antennen auch noch unter der Wasseroberfläche empfangen werden konnten. Am Anfang des Krieges stand dafür nur der Sender Nauen auf der Hauptbetriebswelle für U- Boote (Wellenlänge 18130 m = 16,55 kHz) mit einer Leistung von 300 kW zur Verfügung. Nach der Besetzung Frankreichs kamen noch drei weitere Längstwellensender dazu, St. Assise mit 300 kW, Croix-d´- Hins bei Bordeaux mit 360 kW und Kootwijk (Niederlande) mit 120 kW. Der Sender Nauen und die beiden französischen Sender waren Maschinenfrequenzsender, der holländische ein Röhrensender. Für die Ausbildung der U- Bootbesatzungen in der Ostsee wurde der Sender Baranow bei Warschau benutzt, der sogar noch in 50 bis 60 m Wassertiefe empfangen werden konnte ...

Der Marine- Nachrichtenoffizier (M.N.O.) Bernau verfügte über zwei sende- und empfangsseitige Leitstellen für die U- Boot- Atlantikschaltungen Amerika I und II auf Kurzwelle (KW). M.N.O. Bernau war die Gegenstelle für die Leitwelle, die die Befehlsstelle BdU mit den auf den verschiedenen U- Bootschaltungen eingesetzten Leitstellen verband. Empfangsseitig war sie für die Schaltung Küste auf KW, für die Inland-, Amerika I und II sowie Afrika- Schaltungen I und II auf Kurz- und Längstwelle zuständig. Die Koralle war außerdem eingesetzt für die U- Bootschaltung Mittelmeer. Sie galt für das gesamte Mittelmeer. Sie bestand aus zwei parallel getasteten KW und einer LW. Zur Tastung der LW durch den M.N.O. Bernau stand dieser empfangsseitig auf einer KW. Die Leitung der Schaltung lag beim Führer der U- Boote (F.d.U.) Mittelmeer in Rom, die Gegenstelle in Athen. Die U- Bootschaltung Schwarzmeer: Auf einer KW, die gleichzeitig für die Schnellboote geschaltet war und einer LW, Leitung Simferopol, Admiral Schwarzmeer, Gegenstelle Konstanza. M.N.O. Bernau war empfangsseitig mitgeschaltet zur Übermittlung der Funksprüche auf LW (Nauen).

Außer den bereits erwähnten Sendern konnte ich zwei weitere Sendefunkstellen in Erfahrung bringen, die von der Koralle aus ferngetastet worden sind. Eine befand sich bei Oebisfelde östlich von Wolfsburg, 185 km Luftlinie von der Koralle und etwa 40 km südwestlich vom Längstwellensender Goliath entfernt. Bei dieser handelte es sich um zwei Telefunken- Kurzwellensender vom Typ der Olympia- Sender Zeesen für 150/ 50 kW im Telegrafie- (A1) oder Telefonie- (A3) Betrieb. Diese beiden von insgesamt 12 Sendern der großen Sendefunkstelle der Deutschen Reichspost (DRP) waren eigentlich für den kommerziellen Sprechfunkverkehr mit überseeischen Ländern und für den Übersee- Rundfunkdienst auf KW vorgesehen, wurden jedoch ab 1941 für das OKM im A1- Betrieb eingesetzt. Ab 1943 kamen hier noch zwei 20 kW- Sender polnischen Fabrikats hinzu. Vom Oberkommando der Wehrmacht (OKW) wurde angeregt, die Funkversuchsanlage bei Oebisfelde, die dank dem Einfluß der beiden wichtigsten Bedarfsträger, des Oberkommandos der Kriegsmarine (OKM) und des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda (RMVP) in die höchste Dringlichkeitsstufe eingereiht werden konnte, bombensicher auszuführen. Das Senderhaus wurde als dreistöckiger Hochbunker mit parabelförmigem Querschnitt errichtet und war durch ein Ziegeldach und Verkleidung der Seitenwände mit Bruchstein- Mauerwerk als Feldscheune getarnt. Im Obergeschoß des Bunkers standen 6 kW- Sender für einen Wellenbereich von je etwa 70 bis 14 m. Alle waren für die Betriebsarten A1, A2 und A3 eingerichtet. Zwei dieser Sender arbeiteten für das OKM, einer für das Auswärtige Amt (AA), einer für das Deutsche Nachrichtenbüro (DNB), der fünfte diente dem kommerziellen Sprechfunkverkehr mit Japan. Ein 100/ 50 kW- Sender stand dem RMVP für Rundfunkpropaganda nach Übersee zur Verfügung.

Die andere Sendefunkstelle lag zwischen Bölkendorf und Herzsprung in der Nähe von Angermünde in der Mark Brandenburg, 38 km nordöstlich von Koralle. Dort befanden sich zunächst 6 mobile 10- und 20 kW- Kurzwellensender im provisorischen Einsatz. Sie waren in überdimensionalen Lastkraftwagen bzw. Sattelschleppern mit Anhängern eingebaut, die wesentlich größere Abmessungen als die bekannten dreiachsigen Funkwagen der Wehrmacht aufwiesen. Diese Sender- und Hilfsfahrzeuge waren im Karree aufgefahren und von einer aufwendigen Antennenanlage umgeben. ... 1944 wurde der provisorische Zustand durch den Bau einer großen ober- und unterirdischen Bunkeranlage umgewandelt. Die Firma Telefunken hatte in diesem Jahr einen neuen 200 kW- Kurzwellensendertyp Marius entwickelt, an dem neben der DRP besonders die Kriegsmarine Interesse hatte. Dieser Sender enthielt in der Gegentakt- Endstufe zwei neue Kurzwellen- Senderöhren RS 564 mit Thorium- Kathode, von denen jede 100 kW abgeben konnte. Für die induktive Abstimmung des Anodenkreises der Endstufe wurden zum ersten Mal nach außen vollständig geschirmte Kastenvariometer auf koaxialer Basis mit einem verschiebbaren Kurzschluß am Ende benutzt. Damit waren hier Abstimmanordnungen vorweggenommen, wie sie erst nach dem Krieg bei UKW- Sendern üblich wurden. Der erste 200 kW- Sender dieser Konstruktion ging noch 1944 in der Dienststelle Hersprung in Versuchsbetrieb. Er kam aber nicht mehr zum regulären Einsatz und wurde 1945 demontiert. Für Ende 1944 hatte die Reichspost auch in Elmshorn den Bau von vier dieser 200 kW- Sender Marius für A1 ... A3- Betrieb im Wellenbereich 70 bis 12,5 m mit 100 kW Trägerleistung bei Anodenspannungs B- Modulation geplant. Zur Auslieferung ist es jedoch nicht mehr gekommen.

Zu dieser modernsten Sendefunkstelle bei Bölkendorf gehörte eine entsprechend neuartige Antennenanlage. Der ehemalige Oberleutnant d.R. (MND) Werner Pickert, der von Ende 1942 bis Anfang 1945 als Wachoffizier (WO) und Kompaniechef der Funkkompanie in der Koralle Dienst tat, hatte die Sendestelle Bölkendorf ebenfalls besucht. Er erzählte mir, das dort ein von einem Erdwall umgebener freitragender Rohrmast aus einem elektrisch geerdeten Schacht aus- und eingefahren werden konnte und sich auf diese Weise auf die jeweilige Sendefreuquenz abstimmen ließ.

... Die Kriegsmarine hatte außerdem die von der DRP bedienten Funkempfangsstellen Beelitz und Lychow sowie die Sendefunkstelle Königs- Wusterhausen in ihre Aufgaben eingebunden. Aus dem ... internen Bericht der Marine- Fernmeldeschule Flensburg- Mürwik: Kriegserfahrungen im Fernmeldedienst 2. Weltkrieg vom 8.12.1957 geht hervor, daß für die U- Bootschaltungen im Operationsbereich BdU folgender außerordentlicher materieller Aufwand an Funkstellen der Landorganisation erforderlich gewesen ist:

Wie mir der ehemalige Funker, Herr Rantzen, berichtete, war ihm und seinen Kameraden während ihrer halbjährigen Dienstzeit in der Koralle - danach wurden sie routinemäßig ausgetauscht - neben anderen funkbetriebstechnischen Aufgaben die Erprobung der damals geheimsten, weil modernsten Geräte und Verfahren befohlen. Beispielsweise waren mehrere Funker gleichzeitig an verschiedenen Empfängern zum Beobachten der Seitenbänder angesetzt. Zum Lesen von gestörten Zeichen waren Tonschreiber (Tonbandgeräte) an die Empfänger geschaltet, insbesondere zur Entzerrung von Kurzsignalen. ... Herr Rantzen bestätigt, daß der Längstwellensender Goliath bei Kalbe, zwischen Gardelegen und Stendal im Elbe- Urstromtal gelegen, von der Befehlsstelle Koralle aus ferngetastet worden ist. Dieser 1943 von der Firma C. Lorenz- AG an die Kriegsmarine geliefert 1 MW- Sender (1 Million Watt!) diente ab Anfang 1944 als Programmzeit- Sender der Nachrichtenübermittlung im Frequenzbereich zwischen 15 ... 60 kHz insbesondere eben für getauchte U- Boote, die je nach Seegebiet im gesamten Atlantik in Tiefen bis zu durchschnittlich 25 m die elektromagnetischen Wellen dieser niedrigen Frequenzen mittels Peilrahmen empfangen konnten, weil diese mit abnehmender Frequenz eine zunehmende Eindringtiefe in Meerwasser besitzen. ...

 

 

(c) by Hans Richter 1994

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