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Glatzer Land

Kurzer (miltär-) geschichtlicher Abriß

Nein, es ist uns nicht möglich, hier eine komplette Geschichte der Grafschaft Glatz zu veröffentlichen. Und es ist auch nicht notwendig, denn Google liefert hier sehr ansprechende Ergebnisse. Hier geht es um bisher kaum beachtete Aspekte der militärgeschichtlichen Entwicklung der Grafschaft.

Zuerst aber einige Anmerkungen zur Lage:

Wenn wir über das Glatzer Land sprechen, meinen wir den Bereich der ehemaligen Grafschaft Glatz und einige direkt an die Grafschaft grenzenden Gebiete. Das Gebiet liegt im Südwesten Schlesiens und dort direkt an der Grenze zum böhmisch-mährischen Raum. Die bewegte Geschichte des Landes hat viel mit dieser Lage zu tun. Bedeutende Handelswege zogen sich von Ost nach West und Nord nach Süd das Land. Von daher war der Landstrich immer Zankapfel zwischen den verschiedenen streitenden Parteien.

Das Glatzer Land wird in allen Himmelsrichtungen von bewaldeten Mittelgebirgen begrenzt. Im Norden und Osten liegen das Eulengebirge, das Warthagebirge und das Reichensteiner Gebirge; im Süden das Glatzer Schneegebirge und das Bielen-Gebirge; im Westen gibt es das Adlergebirge und das Mensengebirge; im Nordwesten liegt das Heuscherergebirge. Vom Eulengebirge bis zum Reichensteiner Gebirge zog sich eine kompakte Waldmasse, Preseka genannt und bildete ebenfalls einen natürlichen Schutz. Sie wurde allerdings im Mittelalter gerodet. Nur drei (leicht begehbare) natürliche Pässe boten Zugang zur Grafschaft nach und von Schlesien/Breslau, Brünn/Wien und Prag: die bei Wartha, Mittelwalde und Hummel.

In der Mitte der Grafschaft befindet sich der Glatzer Kessel, eine Einsenkung zwischen der Gebirgen. Auf einer Fläche von rund 1636 qkm gibt es so einen Höhenunterschied von 1016 m!

Das Glatzer Land ist das Stromgebiet vieler Nebenflüsse der Oder.

Im 13. Jahrhundert zogen sich zwei (für damalige Verhältnisse) breite Straßen durch die Preseka. Eine zog sich von Nimptsch durch das Frankensteiner Land in Richtung Schönwalde, auf die Paßhöhe des Eulengebirges und von dort in die Grafschaft; die zweite und ältere zog sich von Breslau über Nimptsch und durch die Neißefurt sowie über den Warthapaß ins Land. Während an den Straßen Verhaue errichtet wurden, entstanden an den strategisch wichtigen Stellen der Pässe und Furten Burgen zur Verteidigung. Im einzelnen waren das:

Frühzeitig erkannte man, daß die genannten Grenzburgen an den Pässen nicht ausreichend waren. Gelang es dem Feind durchzubrechen, war der Weg in und durch die Grafschaft frei. Man begann folgerichtig, auch an den wichtigen Straßen durch das Land Befestigungen zu errichten, die den einmal eingedrungenen Feind aufhalten sollten und wo man sich bei Gefahr warnen konnte. So entstanden Befestigungen im Glatzer Inland:

Auch diese Befestigungen wurden als nicht ausreichend betrachtet, denn sie konnten umgangen werden. Verhindert wurde dies in der Folgezeit durch Anlage weiterer Befestigungen:

Alle diese größtenteils böhmischen Burgen wurden von den Böhmen selbst wieder vernichtet. Ein Wiederaufbau lohnte nicht, denn mit Einführung der Feuerwaffen waren sie verwundbar geworden.

Erst Friedrich der Große ließ um die alte Festung Glatz zeitgemäß umbauen und errichtete 1765-77 die Festung Silberberg.Doch diese Maßnahmen boten keinen Schutz nach Westen und Süden. Friedrich Wilhelm II ließ deshalb ab ca. 1791 Blockhäuser zum Schutz der gefährdeten Gebiete errichten. Es entstanden die Forts bei Carlsberg, Rückers, Nesselgrund und Voigtsdorf.

Wie bereits angedeutet, ergibt sich aus der Lage der Grafschaft eine bewegte Geschichte:

Die Besiedlung der Grafschaft erfolgte schon sehr früh. Es gibt zahlreiche Funde an Siedlungsstellen, die der Steinzeit zugeordnet werden konnten.

Um das Jahr 0 lebten in Schlesien die Wandalen und in Böhmen die Markomannen und Quaden, die sowohl untereinander als auch mit den Römern Handel trieben. Die Handelswege durchzogen auch die Grafschaft.

Mit Beginn der Völkerwanderung zum Ende des 4. Jhdts. verließen viele Germanen das Land, es wurde slawisch besiedelt. Im 9. Jahdt. fiel es an das Großmährische Reich. Zu dieser Zeit gab es schon die Burg Glatz, die auch der älteste historisch bezeugte Ort der Grafschaft und Schlesiens ist (981 urkundlich erwähnt, 1114 als Stadt bezeichnet!). Das Gebiet wurde zum Zankapfel zwischen Böhmen und Polen, es folgten ab 1002 die böhmisch-polnischen Kriege. Die Streitigkeiten wurden erst im Jahre 1137 mit dem Pfingstfrieden zu Glatz beendet, das Land fiel an Böhmen. Nun waren die böhmischen Könige ja auch Kurfürsten des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Das führte dazu, daß in der Folgezeit vor allem deutsche Siedler, aber auch Adlige ins Land kamen und deutsches Recht galt. In Glatz beispielsweise galt schon 1275 Magdeburger Recht. Das ehemals dünn besiedelte Gebiet wurde kultiviert. Es entstanden sogenannte Waldhufendörfer, die sich bis in die Berge hinaufzogen. Und in den Dörfern entstanden sogenannte Freirichtereien. Dem Freirichter oblagen die niedere Gerichtsbarkeit, die Mahl- und Bierschankgerechtigkeit, die niedere Jagd, die Fischerei sowie das Handwerksrecht. Sie hatten eine wesentlich bessere Stellung als die vergleichbaren schlesischen Erbscholzen.

Die Ruhe in der Grafschaft währte im Wesentlichen bis zum Jahre 1618. Dann begann der Dreißigjährige Krieg und damit die religiös begründete Rebellion der Böhmen gegen die Habsburger. Glatz unterwarf sich nicht dem Kaiser, was die militärische Belagerung von Glatz, dessen Zerstörung und am 28.10.1622 die Kapitulation der böhmischen Truppen in Glatz zur Folge hatte. Glatz kehrte gezwungenermaßen zum katholischen Glauben zurück, mit großen Opfern. Die Pest erledigte ein übriges. Reinerz zählte im Jahre 1633 noch 25, Neurode 100 Einwohner. Es folgten Strafmaßnahmen gegen Stände und Städte (1625).

Doch auch dieser Friede hielt nicht lange. Es folgten die drei Schlesischen Kriege (1740-42; 1744-45; 1756-63). Die Grafschaft und die Festung Glatz selbst wechselten mehrfach zwischen Preußen und Österreich. Preußen blieb Sieger, die Grafschaft wurde Schlesien angegliedert.

1807 wurde die Festung Glatz von den Truppen Napoleons eingeschlossen und fiel. Nach Verlusten von 2000 Mann auf preußischer Seite allerdings nicht durch Kapitulation, sondern durch den sogenannten "Tilsiter Frieden". Die Sieger konnten sich nicht lange am neuen Besitz erfreuen, 1813 begannen die Befreiungskriege, in deren Ergebnis die Grafschaft wieder an Preußen fiel. Es folgten eine Reihe von Maßnahmen, die das Vertrauen der Bewohner der Grafschaft in die Obrigkeit nicht gerade förderten (Stichworte Säkularisation und Kulturkampf). 1877 wurde die Festung Glatz als solche aufgegeben. Die Weiterentwicklung der Waffentechnik hatte sie sinnlos gemacht. Ab 1880 begann Preußen die eigentlichen Vorteile der Grafschaft zu erkennen: landschaftliche Reize, Rohstoffe, Industrie, Heilquellen. Kurorte entstanden (Bad Reinerz etc.), der Bergbau im Norden der Grafschaft blühte auf. Sandstein für den Reichstag kam aus der Grafschaft.

Die beiden Weltkriege überstand die Grafschaft mit nur wenigen Zerstörungen. Erst nach der Kapitulation der Deutschen Wehrmacht erfolgte die Besetzung des Gebietes, das vorher Bestandteil des sogenannten Schlesischen Fluchtkorridors war, durch die Rote Armee. Anfang 1946 begann die völkerrechtswidrige Vertreibung der deutschen Bevölkerung.

Heute ist die Grafschaft fester Bestandteil Polens. Es haben sich sichtbare Veränderungen ergeben. Dörfer, insbesondere an der Grenze zu Tschechien, sind verfallen. Das trifft auch auf die Oberdörfer im Zentralteil der Grafschaft, beispielsweise von Voigtsdorf, zu. Die Kurorte blühen wieder auf, wenn auch langsam. Polen ist bemüht, das Gebiet touristisch zu erschließen.

Wollen wir hoffen, daß sich die Entwicklung der Grafschaft Glatz in Zukunft friedlicher gestaltet als in deren Vergangenheit. Wunden werden bleiben, denn altes Unrecht kann nicht durch neues Recht ersetzt werden. Wir alle können aber mithelfen, die Beziehungen zueinander und das Verständnis zur heutigen Bevölkerung zu entwickeln. Überall in der Grafschaft bin ich freundlich aufgenommen worden. Natürlich als Gast. Und mehr will ich dort auch nicht sein - ein Gast. Die jetzigen Bewohner können nichts für die historische Entwicklung. Sie haben sich eingerichtet, wie wir es unter gleichen Umständen getan hätten. Sie verdienen unsere Achtung.

© Dieter TD - 09/2005

 

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