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Der Zusammenbruch der Ostfront bei Breslau

Erlebnisse der Zeitzeugin Marielies Mehnert

Es begann im Februar 1945, ein schneereicher, klirrend kalter Februar. Die Ostfront kam immer näher, der Krieg war in seiner hoffnungslosen Endphase.
Ich war damals gerade 9 Jahre alt und lebte mit meiner Mutter in Zobten (Sobótka), einem kleinen Städtchen am Fuße des Zobtenberges, zirka 40 km südwestlich von Breslau (Wroclaw).
Die Stadt war schon fast völlig evakuiert. Nur einige deutsche Frauen mit ihren Kindern und ein paar alte Leute hatten sich in den Kopf gesetzt ihre geliebte Heimat nicht zu verlassen, ihre Wohnungen und Häuser, ihren Besitz nicht aufzugeben. Statt dessen wollte wir den Einmarsch und Durchzug der russischen Armee gut versteckt überleben, um dann wieder in die Wohnungen und Häuser zurückzukehren.

Sobótka (Zobten)

Schloss bei Zobten

So jedenfalls war unsere naive Vorstellung vom Krieg und außerdem hätte man ja auch noch sein Hab und Gut retten können, wenn es nicht in den Trümmern schon verbrannt war - das war unsere Theorie.
So hatten wir uns als erste Unterkunft das romantische, neogotische Schlößchen in Gorkau (Gorka) ausgesucht. Es liegt gut im Wald verborgen, weit ab von der Landstraße in der Nähe von Gorkau, damals ein kleines Dorf nur wenige Kilometer von Zobten entfernt. Zu diesem Zeitpunkt waren im Schloß noch einige deutsche Soldaten untergebracht, die aber recht bald zum Fronteinsatz abkommandiert wurden. Als wir dann ganz alleine in dem Schloß waren und der zumindest psychologische Schutz der Soldaten fehlte, fühlten wir uns unsicher und die Erwachsenen dachten über einen Umzug nach. Ein sicherer und geheimer Ort mußte gefunden werden.

Als endgültiges Versteck wurden die in der Nähe gelegenen Brauereikeller ausgesucht. Mächtige, bunkerartige Kellergewölbe aus der Zeit um 1900 unter einem hohen, bewaldeten Erdhügel tief geschützt. Es sind die ehemaligen Lager für Getränke der Gorkauer Brauerei, die noch heute existiert und Getränke produziert. Dort wurde in der Zeit ohne Kühlhäuser und Gefrierkühltruhen aus dem nahe gelegenen Teich im Winter Eis gestochen, in die gut isolierenden Gewölbe gebracht und die Bierfässer damit gekühlt. Das schmelzende Wasser lief dann in Ablaufkanälen ab, die noch heute zu sehen sind.
Da saßen wir nun in unserem bombensicheren Bunker und hatten uns aus herbei geschleppten Strohballen ein Lager und zu Hause gemacht.

Die Brauerei von Zobten heute

Zugemauerter Eingang des Brauereikellers

Mein Sohn hat über 50 Jahre später die Kelleranlagen besucht. Die Eingänge von damals sind jetzt zugemauert, nur einige enge Lüftungsschächte führen nach oben. Dort hat er sich in etwa 12 Meter Tiefe abgeseilt und für mich ein paar Fotos vom Inneren der Keller gemacht. Aus unserem ehemaligen überlebenswichtigen Domizil ist also ein Abenteuerspielplatz für meinen Sohn geworden. Warum auch nicht, ich habe mir die Fotos gerne angesehen, muß aber gestehen, daß ich mich nach so langer Zeit nicht mehr an Details erinnern kann. Die Keller selbst sind noch gut erhalten und trocken. Man sieht noch alten Schrott, wie Fragmente von rostigen Rohren und marode elektrische Installation. Der Keller hat wohl mit unserem Aufenthalt 1945 seine letzte, wenn auch nicht offizielle, aber dennoch sinnvolle Nutzung gehabt.

Belüftungsschächte der Keller

Nun fehlte uns leider noch etwas zu essen, es gab keine Lebensmittel und fortan dachte man auch nicht mehr an irgend etwas anderes.
Es blieb uns keine andere Wahl als aus Zobten und Gorkau in der Dunkelheit der Nacht Lebensmittel zu besorgen. Dies war ein lebensgefährliches Spiel. Nur die Vorstellung man wäre auf einen Soldaten getroffen, egal von welcher Seite, läßt mich noch heute zittern.
Es schien für eine Weile als würden wir, die letzten Zivilisten in der Gegend, uns so der drohenden russischen Invasion entziehen können. Aber es kam ganz anders.

Das Gewölbe des Brauereikellers. Auf dem Foto erahnt man die hohe Luftfeuchtigkeit und die warme Ausatem Luft, die ihre Spuren in Form von Nebel und Reflexionen auf dem Film hinterlassen.

Eines Nachts wurde die Kellertür plötzlich aufgerissen. Zwei Soldaten tasten sich vorsichtig durch die Dunkelheit. Wir waren starr vor Angst, denn man sah ja nicht, ob es sich um deutsche oder russische Soldaten handelte. Unsere Erleichterung war riesengroß, als uns die Soldaten in Deutsch ansprachen. Sie waren völlig überrascht hier noch Zivilisten anzutreffen. Vor dem Kellereingang stand noch ein Wehrmachtslastwagen mit einem dritten Soldaten. Die Soldaten sagten uns, daß noch ein allerletzter Flüchtlingstransport in Freiburg/ Schlesien zusammengestellt wird. Die russischen Truppen hatten gerade die Stadtgrenze von Zobten erreicht. Das Kampfgetöse war deutlich zu hören, die Granateinschläge und das Gewehrfeuer kamen näher. die Lage wurde offensichtlich immer gefährlicher.
In Anbetracht dieser bedrohlichen Kulisse und Ihren eigenen Erlebnissen, die sie uns erzählten, konnten uns die Soldaten überzeugen doch diesen Höllenplatz zu verlassen. Sie boten uns an mit ihnen bis nach Freiburg zu fliehen. Wir durften nichts außer Lebensmitteln mitnehmen.
Es begann die Höllenfahrt durch die Nacht. Wir gerieten unter heftigen Beschuß die Einschläge waren direkt neben uns. Der Fahrer hatte keine andere Wahl, er fuhr mit voller Kraft in Richtung Freiburg. Wir mußten den letzten Flüchtlingszug in den Westen unbedingt erreichen.
Die Abdeckplanen des Militärwagens waren zerfetzt und zerrissen und so konnten wir sehen, wie die im Frost erstarrten Bäume links und rechts der Landstraße lichterloh brannten. Wir fuhren mittendurch.
Das Wunder geschah, wir erreichten Freiburg rechtzeitig. Dort stand ein Zug vollgestopft mit erschöpften Flüchtlingen und verwundeten Soldaten. Wir mußten warten bis ein zusätzlicher Waggon angehängt wurde, für uns und noch andere verspätete Flüchtlinge, die noch auf den Abtransport warteten.
Die tagelange Fahrt ging dann über Prag nach Lichtenfels/ Oberfranken. Dort wurden wir nachts um 1 Uhr mit vielen anderen Flüchtenden einfach abgeladen und unserem Schicksal überlassen.
Ab zirka Mitte März 1945 begann für uns dort ein neuer Lebensabschnitt. Im April war der Krieg Gott sei Dank endlich vorbei, der Diktator beseitigt. Außer unserem eigenen Leben hatten wir nichts mitgebracht und so mußten wir uns gedulden, bis es wieder ganz, ganz langsam aufwärts ging.


Marielies Mehnert, August 2003

 

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